#1
Du bist nicht unruhig. In dir spricht etwas
Warum dein Körper nicht gegen dich arbeitet, sondern versucht, dir etwas zu zeigen.
Vielleicht sitzt du still. Aber innen rennt alles. Du versuchst, dich zu konzentrieren. Auf ein Gespräch. Eine Aufgabe. Einen Satz. Dein Gegenüber. Und da ist sie. Diese Unruhe.
Sie nimmt Raum ein. Ungefragt. Selbstverständlich. Als hätte sie einen Stuhl mitten in deinem Leben reserviert – und keinerlei Absicht, ihn wieder freizugeben.
Sie hat keine Farbe. Keine Form. Und trotzdem spürst du sie.
Vielleicht in der Brust. Im Bauch. Im Hals. In den Händen.
Wie ein Mantel, den niemand sieht – und der trotzdem zu eng sitzt.
Was innere Unruhe mit dir macht
Innere Unruhe ist anstrengend.
Nicht nur, weil dein Körper nicht zur Ruhe kommt. Sondern weil du irgendwann beginnst, dich selbst zu beobachten.
Merken es die anderen?
Sieht man mir etwas an?
Wirke ich nervös?
Bin ich zu angespannt?
Warum kann ich nicht einfach entspannen?
Und schon hast du nicht nur die Unruhe. Du hast auch noch die Aufgabe übernommen, sie möglichst gut zu verstecken.
Deine Hände zittern vielleicht in der Manteltasche. Dein Kiefer ist angespannt. Deine Schultern befinden sich irgendwo auf halbem Weg zu den Ohren.
Nach aussen funktionierst du.
Innen sieht es anders aus.
Vielleicht schläfst du schlechter. Wirst dünnhäutiger. Erschöpfst schneller. Dinge, die du sonst locker weggesteckt hast, kosten plötzlich Kraft.
Und irgendwann sagt garantiert jemand:
«Du musst einfach ein bisschen entspannen.»
Ach so.
Wenn wir das gewusst hätten.
Du kannst einem alarmierten System nicht befehlen: «Jetzt entspann dich.»
Das funktioniert ungefähr so gut wie einem Kind im Dunkeln zu sagen: «Hab keine Angst.»
Innere Unruhe ist nicht dein Feind
Weisst du, ich finde diesen Gedanken sehr versöhnlich – und gleichzeitig eine spannende Betrachtungsweise:
Innere Unruhe ist nicht automatisch dein Feind. Sie kann ein Signal sein.
Dein Körper reagiert auf Belastung. Auf Stress. Auf Angst. Auf Druck. Auf Dinge, die du vielleicht schon lange getragen oder sogar verdrängt hast.
Bei Anspannung kann dein Nervensystem in erhöhte Alarmbereitschaft geraten. Dein Körper macht sich bereit, zu reagieren.
Nur gibt es in unserem Alltag häufig nichts, wovor wir tatsächlich davonrennen können.
Vielleicht sitzt dir stattdessen ein Gespräch im Nacken, das du seit Wochen vor dir herschiebst.
Vielleicht ein Nein, das längst ausgesprochen werden möchte.
Vielleicht eine Entscheidung, die du immer wieder vertagst.
Oder du funktionierst schon so lange, dass du gar nicht mehr bemerkst, wie viel Kraft dich dieses Funktionieren kostet.
Innere Unruhe kann viele Ursachen haben – körperliche, psychische und emotionale. Wenn sie neu, stark oder ungewöhnlich ist oder dich länger belastet, lass deshalb auch mögliche körperliche Ursachen medizinisch abklären.
Nicht alles muss eine tiefere Botschaft haben.
Wenn ich zweimal im Jahr Kopfweh habe, nehme ich eine Kopfwehtablette und mache daraus keine Lebensanalyse.
Fertig.
Aber wenn etwas immer wiederkommt, stärker wird oder dich deutlich einschränkt, lohnt sich nicht nur die Frage:
«Wie bekomme ich das weg?»
Sondern auch: «Was ist eigentlich los?»
FÜR DICH. JETZT.
Spür für einen Moment in dich hinein. Nicht analysieren. Nicht erklären. Nur wahrnehmen.
Wo spürst du die Unruhe gerade am stärksten? In der Brust? Im Bauch? Im Hals? In den Schultern?
Leg deine Hand dorthin, wenn sich das für dich gut anfühlt.
Und sag innerlich: «Ich sehe dich.»
Mehr nicht.
Nicht wegmachen. Nicht beruhigen. Nicht verändern.
Nur wahrnehmen, was jetzt gerade ist.
Und dann frag dich:
Was hat sich verändert?
Was steckt hinter innerer Unruhe?
Stress kann innere Unruhe auslösen. Überforderung ebenso. Schlafmangel. Sorgen. Angst. Körperliche Veränderungen.
Spannend wird es dort, wo die offensichtlichen Antworten aufhören. Was war los, als die Unruhe begonnen hat?
Was hast du ausgehalten? Wo hast du dich zusammengerissen? Was hast du nicht ausgesprochen?
Welche Entscheidung schiebst du vor dir her?
Wo sagst du nach aussen «Es geht schon» – obwohl es innen längst nicht mehr geht?
Viele Menschen, die mit innerer Unruhe zu mir kommen, möchten verständlicherweise zuerst eines: Sie soll weg.
Wieder schlafen. Wieder ruhig sein. Wieder funktionieren. Ich verstehe das.
Und trotzdem lohnt es sich, nicht sofort zu fragen:
«Wie werde ich die Unruhe los?»
Sondern vielleicht zuerst:
«Was möchte ich verstehen?»
Denn was wäre, wenn deine Unruhe nicht einfach das Problem ist?
Was wäre, wenn sie eine Reaktion auf etwas ist, das schon länger nicht mehr stimmt?
Das ist keine besonders gemütliche Frage.
Aber gemütlich und hilfreich sind nun einmal nicht immer dasselbe.
Ich kenne diese Unruhe selbst
Innere Unruhe kenne ich nicht nur aus meiner Arbeit.
Ich kenne sie aus meinem eigenen Leben.
Mein Vater war einer meiner wichtigsten Menschen. Er konnte etwas, das selten ist: zuhören.
Wirklich zuhören.
Nicht reparieren. Nicht relativieren. Nicht sofort eine Lösung hervorholen.
Einfach da sein.
Ich musste mich von ihm verabschieden, als ich im siebten Monat schwanger war.
Ich wollte stark sein. Für mein Kind. Für meinen Körper. Für das Leben, das weiterging.
Also funktionierte ich. Nicht bewusst. Ich stand morgens nicht auf und beschloss: «Heute verdränge ich meine Trauer.»
So läuft das Leben selten. Ich machte einfach weiter. Und die Unruhe kam.
Ich stellte vieles infrage. Mich selbst am meisten. Wurde hart mit mir. Zog mich zurück.
Bis eine Freundin mich sehr direkt darauf ansprach.
Und dann kamen die Tränen. Nicht die höflichen. Die anderen.
In diesem Moment wurde mir klar, wie viel Trauer ich zurückgehalten hatte.
Ich wusste längst, wie wichtig Hinschauen und Annehmen sind. Ich hatte es gelernt, verstanden und in meiner Arbeit erlebt.
Aber jetzt bekam dieses Wissen ein Gefühl. Ein Gesicht. Das, was vorher richtig und vernünftig geklungen hatte, wurde plötzlich meine eigene Erfahrung. Das Schulbuch hatte also recht. Alles beginnt mit Hinschauen. Erst einmal sehen, was tatsächlich da ist. Und dann kommt der zweite Schritt: Annehmen.
Nicht bewerten. Nicht wegdrücken. Nicht sofort lösen. Sondern anerkennen: «Ja. Das ist gerade da.»
Und erst danach entsteht eine wirkliche Frage: «Was will ich damit machen?»
Der erste Schritt ist nicht Kampf
Wenn du etwas verändern möchtest, beginnt es nicht damit, dass du dich noch mehr anstrengst.
Es beginnt mit Hinschauen. Und danach mit einem erstaunlich unspektakulären Schritt:
Annehmen. Nicht gutfinden. Nicht schönreden. Und schon gar nicht aufgeben.
Annehmen heisst: «Ja. So ist es gerade.»
Ich bin unruhig. Mein Körper ist angespannt. Meine Gedanken kreisen. Das ist die Tatsache.
Und jetzt höre ich auf, zusätzlich dagegen anzukämpfen. Denn zur Unruhe noch Selbstvorwürfe dazuzulegen, ist ungefähr so hilfreich wie bei Regen zusätzlich den Gartenschlauch anzustellen. Es wird einfach nur noch nasser.
Annehmen bedeutet nicht, dass du die Unruhe behalten möchtest.
Nein. Es ist ein Entscheid, dass du nicht mehr gegen die Tatsache kämpfst, dass sie im Moment da ist. Und genau dann entsteht etwas Entscheidendes: Wahl.
Solange ich nicht anerkenne, wo ich gerade stehe, kann ich hundert Gründe dafür finden, warum alles so ist, wie es ist. Aber ich bewege mich nicht. In dem Moment, in dem ich hinschaue und sage: «Ja. Das ist gerade mein Leben.» kann die nächste Frage entstehen: «Und was will ich jetzt damit machen?»
Nicht: Was muss ich? Sondern: Was will ich? Das ist ein gewaltiger Unterschied. Hinschauen macht nicht alles einfacher.
Aber es macht oft sichtbar, dass du mehr Möglichkeiten hast, als du dachtest. Und falls du darauf gerade noch keine Antwort hast – auch gut. Du hast immerhin aufgehört, vor der Frage davonzulaufen.
Wenn deine Gedanken Karussell fahren
Innere Unruhe und kreisende Gedanken sind häufig ziemlich gute Mitbewohner. Leider kündigt keiner von beiden den Mietvertrag freiwillig.
Wenn deine Gedanken kreisen, kann eine sehr einfache Frage helfen: Ist das wirklich so?
Und danach: Wie ist es wirklich?
Zum Beispiel: «Alle sind gegen mich.» Ist das wirklich so? Wirklich alle? Vielleicht bleiben nach kurzem Nachdenken drei Menschen übrig.
Oder einer. Oder du merkst plötzlich: Eigentlich stimmt etwas anderes. «Ich fühle mich nicht gesehen.» Das ist ein grosser Unterschied. Mit «Alle sind gegen mich» bist du ausgeliefert.
Mit «Ich fühle mich nicht gesehen» hast du Möglichkeiten. Du kannst hinschauen. Du kannst ein Gespräch führen. Eine Grenze setzen. Etwas aussprechen. Etwas verändern. Oder bewusst entscheiden, es vorerst nicht zu tun. Auch das ist eine Entscheidung.
Innere Unruhe kann auch mit dauerhafter Überforderung, Leistungsdruck oder dem Gefühl zusammenhängen, nur noch funktionieren zu müssen. Darüber schreibe ich in meinem Beitrag «Ausgebrannt – wenn du dich selbst verlierst».
Wenn Unruhe zur inneren Tür wird
Vielleicht begleitet dich deine Unruhe schon lange.
Vielleicht hast du gelernt, mit ihr zu leben. Du erledigst. Du organisierst. Du hältst durch. Bis irgendwann die Frage auftaucht:
Will ich eigentlich so weitermachen? Das kann ein wichtiger Moment sein. In meiner Arbeit mit Hypnose und Hypnosetherapie in Cham interessiert mich nicht nur, was an der Oberfläche sichtbar ist. Mich interessiert das, was darunter wirken kann. Erfahrungen. Gefühle. Überzeugungen. Alte innere Entscheidungen. Muster, die irgendwann einmal sinnvoll waren und heute vielleicht nicht mehr zu deinem Leben passen.
Das Unbewusste ist für mich dabei kein geheimnisvoller Ort irgendwo im Universum. Es ist ein Teil von dir. Und manchmal liegen dort Türen, die wir im Alltag längst nicht mehr sehen. Nicht hinter jeder Tür wartet eine grosse Erkenntnis.
Und nicht jedes Thema braucht Hypnose. Aber manchmal verändert sich etwas Entscheidendes, wenn du beginnst, eine dieser Türen überhaupt wieder wahrzunehmen.
Viele Wege führen nach Rom, heisst es. Veränderung bedeutet nicht, dass einer davon plötzlich bequem wird.
Aber du musst nicht mehr glauben, dass es nur diesen einen Weg gibt.
Vielleicht findest du nicht sofort die richtige Tür. Aber du musst auch nicht mehr so tun, als gäbe es nur diese eine Wand.
Und genau darin liegt Hoffnung. Nicht in dem Versprechen, dass alles gut wird. Sondern in der Erkenntnis: Ich habe Möglichkeiten.
Innere Unruhe muss deshalb nicht nur etwas sein, das du loswerden möchtest. Sie kann auch der Moment sein, an dem du beginnst, dir selbst wieder zuzuhören.
Wenn du spürst, dass du nicht länger nur beruhigen möchtest, was in dir laut geworden ist, sondern verstehen willst, was darunter wirken könnte – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria