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Alles richtig gemacht. Und trotzdem fehlt etwas
Warum Perfektionismus dich antreibt – und gleichzeitig von dir entfernt.
Wenn «gut» nie gut genug ist
Vielleicht ist das hart. Vielleicht ist das direkt. Ich sage es trotzdem.
Viele Perfektionisten wollen nicht einfach etwas gut machen. Sie wollen vermeiden, dass es falsch wird.
Und das ist ein Unterschied.
Von aussen sieht Perfektionismus oft beeindruckend aus: zuverlässig, diszipliniert, vorbereitet, leistungsbereit.
Innen kann es ganz anders aussehen.
Denn wenn «gut» nicht reicht, gibt es kaum einen Moment, in dem du wirklich fertig bist.
Es geht immer noch besser. Noch sauberer. Noch gründlicher. Noch schöner. Noch ein letzter Blick. Und dann vielleicht sicherheitshalber noch einer.
Die sichtbare Seite
Perfektionisten haben häufig einen hohen Anspruch an sich selbst.
Sie wissen genau, wie etwas sein soll. Geben ungern Verantwortung ab. Kontrollieren lieber nochmals nach.
Hilfe annehmen? Schwierig. Darum bitten? Noch schwieriger.
Denn was, wenn es jemand anders nicht so macht, wie du es machen würdest?
Also machst du es selbst. Und wenn die Zeit knapp wird, streichst du nicht den Anspruch. Du streichst dich.
Ein Projekt zu spät abgeben? Unvorstellbar. Dann lieber länger arbeiten. Noch eine Stunde. Noch einen Abend. Notfalls die Nacht.
Von aussen sieht das nach Einsatz aus. Und manchmal ist es das auch. Die Frage ist nur: Was kostet dich dieser Einsatz?
Die leise Seite
Dann gibt es noch die Seite, die kaum jemand sieht. Vielleicht kennst du diesen Satz: «So reicht es noch nicht.»
Nicht nur über deine Arbeit. Sondern irgendwann über dich. Noch mehr geben. Noch mehr leisten. Noch mehr richtig machen. Und irgendwann wird aus einem hohen Anspruch ein Massstab, an dem du dich selbst ständig misst.
Man lobt dich für deine Disziplin. Für deine Zuverlässigkeit. Für deine Stärke.
Niemand sieht, wie viel Kraft es dich kostet, diesem Bild jeden Tag gerecht zu werden. Das ist das Heimtückische am Perfektionismus: Er kann aussehen wie Stärke – und sich innen trotzdem wie nie genug anfühlen.
Meine Geschichte damit
Ich weiss, wie sich das anfühlt.
Als ich Mama wurde – und das war mein grösster Wunsch – war ich nicht vorbereitet auf das, was danach kam.
Nicht auf das neue Leben. Und nicht auf die neue Wahrnehmung.
Vorher war ich sehr erfolgreich im Aussendienst. Als Frau war ich damals eher eine Ausnahme: Unter über 40 Verkäufern waren wir gerade einmal zwei Frauen.
Key Accounts. Verantwortung. Vertrauen. Ich war sichtbar. Wurde geschätzt. Wusste, was ich konnte.
Dann wurde ich Mama. Mein grösster Wunsch. Und plötzlich war ich in den Augen anderer vor allem eines: Mutter.
Also begann ich, noch mehr zu geben. Zu Hause musste alles perfekt sein. Ich musste perfekt aussehen. Perfekt funktionieren.
Unser Baby war süss. Der Kuchen selbstgemacht. Die Dankeskarten von Hand geschrieben. Ich war gut drauf. Und der Boden war so sauber, dass wir problemlos davon hätten essen können. Mit einem Neugeborenen.
Im Rückblick denke ich: Wie dumm. Ich hätte besser auf mich geschaut. Mir mehr Sorge getragen. Die Fenster hätten warten können. Ich schlief kaum. Schaute nicht nach mir.
Aber Hauptsache, alles glänzte. Damals nannte ich es «Miss Perfect». Und war sogar noch stolz darauf.
Der Moment, in dem etwas kippt
Innerlich wurde es immer leerer. Ich habe lange nicht gesehen, was da passiert. Vielleicht wollte ich es auch nicht sehen.
Bis mein Körper sehr deutlich wurde. Da blieb mir irgendwann nichts anderes mehr, als hinzuschauen. Widerwillig. Aber ehrlich. Und genau dort begann für mich etwas Entscheidendes.
Nicht mit noch mehr Tun. Nicht mit noch besserem Funktionieren. Sondern mit der Erkenntnis: So geht es nicht weiter.
Hinsehen. Und dann annehmen. Nicht bewerten. Nicht beschämen. Nicht sofort lösen.
Sondern anerkennen: Ja. Das ist gerade mein Leben.
Vielleicht erkennst du dich hier
Eine Mail an deinen Vorgesetzten. Wie oft liest du sie durch, bevor du sie abschickst? Einmal? Oder zwei‑, drei‑, viermal? Nicht weil der Inhalt noch besser wird. Sondern weil du sicher sein willst.
Vielleicht kennst du diesen inneren Druck: Ich muss noch mehr geben. Noch mehr leisten. Noch mehr richtig machen. Nicht, weil jemand es verlangt. Sondern weil etwas in dir sagt: «So reicht es noch nicht.»
Und genau da lohnt sich Hinschauen. Denn Perfektionismus entsteht nicht immer aus Ehrgeiz. Manchmal steckt dahinter das Bedürfnis nach Kontrolle. Nach Sicherheit. Nach Anerkennung. Nach Zugehörigkeit. Oder die Angst, einen Fehler zu machen und damit etwas zu verlieren. Kritik. Rückzug. Ablehnung. Das Gefühl, nicht zu genügen.
Frühe Erfahrungen können dazu führen, dass wir uns über Leistung, Anpassung oder Fehlerlosigkeit Sicherheit verschaffen. Was einmal geholfen hat, kann später sehr eng werden.
Warum du das nicht einfach wegdenken kannst
Wenn ein Muster über Jahre Sicherheit gegeben hat, verschwindet es selten, nur weil du dir sagst: «Ab heute bin ich weniger perfektionistisch.» Schön wärs.
Ein alter innerer Antreiber lässt sich selten mit einem neuen Post-it am Badezimmerspiegel beeindrucken. Deshalb interessiert mich nicht nur: Was machst du?
Sondern: Wozu brauchst du es? Was gibt dir die Kontrolle? Was würde passieren, wenn etwas nur gut wäre? Was befürchtest du, wenn jemand einen Fehler sieht? Und wem möchtest du eigentlich noch immer beweisen, dass du genug bist? Mehr über frühe Prägungen und innere Anteile findest du auch in meinem Blog «Dein kleines Ich».
FÜR DICH. JETZT.
Beobachte dich heute einmal: Wann willst du etwas perfekt machen?
Beim Schreiben. Beim Sprechen. Im Alltag.
Und dann stopp.
Frag dich nicht: Wie mache ich es besser?
Sondern: Was passiert, wenn ich es einfach gut genug lasse?
Und dann tu genau das. Nicht perfekt. Sondern fertig.
UND SEI STOLZ AUF DICH.
Bleib Perfektionist – aber für die richtigen Dinge
In meinem Buch «Ungewollt und doch da» schreibe ich im Bonus-Kapitel «Miss Perfect»: Bleib ruhig Perfektionist. Aber werde ein schlauer. Einer, der weiss, wann sich Einsatz lohnt. Für eine Prüfung. Eine wichtige Abgabe. Eine Masterarbeit. Etwas, das dir wirklich wichtig ist.
Aber der Kuchen, der in der Mitte etwas eingesunken ist? Den bäckst du nicht nochmals. Vielleicht ist er innen einfach wunderbar saftig. Leg ein paar Früchte als Deko in die Delle. Oder lass sie.
Ein weiser Perfektionist gibt sein Bestes, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Er macht aus Fehlern Erfahrungen. Keine Urteile über seinen eigenen Wert.
Zurück zur Wurzel
In meiner Arbeit mit Hypnose und ursachenorientierter OMNI-Hypnosetherapie in Cham interessiert mich nicht nur der sichtbare Perfektionismus.
Mich interessiert, was darunter wirken kann. Welche Erfahrungen haben dich geprägt? Welche Überzeugungen trägst du über dich? Was glaubst du leisten zu müssen, um sicher, wertvoll oder anerkannt zu sein? Und welche dieser alten Regeln brauchst du heute überhaupt noch?
Hypnose kann dabei einen Zugang zu Erfahrungen und inneren Mustern öffnen, die im Alltag nicht immer bewusst greifbar sind. Nicht um in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Sondern um heute mehr Wahl zu haben. Denn genau darum geht es:
Du musst deinen Perfektionismus nicht bekämpfen. Du darfst lernen, ihn zu führen.
Meine Fenster halten mich heute gut aus. Manchmal glänzen sie ziemlich beeindruckend. Und manchmal denken sie wohl, wir würden uns eine Putzfrau wünschen.
Wenn du spürst, dass du nicht länger nur funktionieren möchtest, sondern verstehen willst, was dich antreibt – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria