Warum Perfektionismus dich antreibt – und gleichzeitig von dir entfernt.
Wenn «gut» nie gut genug ist
Vielleicht ist das hart. Vielleicht ist das direkt. Ich sage es trotzdem. Die meisten Perfektionisten streben nicht einfach nach «besser». Sie streben nach fehlerfrei. Und das hat meistens zwei Seiten.
Die sichtbare Seite
Sie sind überzeugt, dass sie es besser wissen. Dass sie es besser können. Dass es genauso sein muss, wie sie es sich vorstellen.
Hilfe annehmen? Schwierig. Darum bitten? Fast unmöglich.
Sie gehen für ihren Anspruch weit. Sehr weit. Und oft über ihre eigenen Grenzen hinaus.
Wenn es nicht mehr reicht, machen sie sich länger. Lehnen sich weiter hinaus. Halten noch mehr aus.
Ein Projekt zu spät abgeben? Unvorstellbar. Dann lieber die Nacht durcharbeiten.
Die leise Seite
Und dann gibt es noch die andere Seite. Die, die kaum jemand sieht.
Tief in ihnen sitzt ein Gefühl: Ich bin nicht gut genug.
Und genau dieses Gefühl treibt sie an. Noch mehr geben. Noch mehr leisten. Noch mehr richtig machen. Bis zu dem Punkt, an dem sie sich selbst verlieren. Still. Unbemerkt.
Ein Selbstverrat, der sich von aussen wie Stärke anfühlt. Man lobt dich für deine Disziplin. Niemand sieht, was es dich kostet.
Meine Geschichte damit
Ich weiss, wie sich das anfühlt.
Als ich Mama wurde – und das war mein grösster Wunsch – war ich nicht vorbereitet auf das, was danach kam. Nicht auf das neue Leben. Und nicht auf die neue Wahrnehmung.
Vorher war ich Teil eines erfolgreichen Sales-Teams. Key Accounts. Verantwortung. Vertrauen. Ich wurde gesehen. Geschätzt.
Dann kam die Mutterschaft. Und plötzlich war alles anders.
Ich war nicht mehr dieselbe in den Augen der anderen. Nicht mehr gleich wichtig. Nicht mehr gleich präsent.
Der Moment, in dem es kippt
Also habe ich begonnen, noch mehr zu geben. Zu Hause musste alles perfekt sein. Ich musste perfekt aussehen. Perfekt funktionieren.
Unser Baby war süss. Der Kuchen war selbstgemacht. Die Dankeskarten von Hand geschrieben. Ich war immer gut drauf. Der Boden war so sauber, dass wir hätten davon essen können – statt vom Teller. Und das mit einem Neugeborenen. Im Rückblick: Dumm. Ich hätte besser einmal mehr mit ihm spazieren gehen sollen.
Ich schlief kaum, schaute nicht nach mir – aber Hauptsache, die Fenster waren sauber. Damals nannte ich es: Einfach Miss Perfect sein. Und war sogar noch richtig stolz darauf.
Doch innerlich wurde es leerer. Ich habe lange nicht gesehen, was da passiert. Nicht sehen können. Erst als mein Körper zu mir sprach – klare Worte sprach – habe ich hingeschaut. Widerwillig. Aber es blieb mir keine Wahl.
Wo Veränderung wirklich beginnt
Und genau da beginnt Veränderung. Nicht beim Tun. Nicht beim Funktionieren. Sondern beim Ehrlichwerden. Zu erkennen, da läuft etwas aus dem Ruder. Und dann: nicht kämpfen, nicht bewerten – sondern verstehen.
Vielleicht erkennst du dich hier
Eine Mail an deinen Vorgesetzten – wie oft liest du sie durch, bevor du sie abschickst? Einmal, so wie bei einer Nachricht an eine Freundin? Oder zwei-, dreimal, nur weil es der Chef ist?
Ist dir dieser innere Druck bekannt? Das Gefühl, nein der Drang: Ich muss noch mehr geben. Noch mehr leisten. Noch mehr richtig machen. Nicht, weil jemand es verlangt. Sondern weil etwas in dir sagt: So reicht es noch nicht.
Und genau hier liegt der Kern. Perfektionismus ist kein Zufall. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist oft eine Antwort auf inneres Chaos. Auf Erfahrungen, die zu viel waren. Zu früh. Zu wenig gehalten. Kritik. Vernachlässigung. Emotionale Verletzungen.
Ein Kind, das gelernt hat, dass es nicht genügt, beginnt irgendwann, perfekt zu werden. Um endlich sicher zu sein. Um endlich dazuzugehören.
Warum du das nicht «wegdenken» kannst
Perfektionismus ist meistens eine erlernte Überlebensstrategie. Wenn Fehler in der Kindheit mit Liebesentzug, Kritik oder Rückzug beantwortet wurden, lernt ein Kind: Fehlerlosigkeit bedeutet Sicherheit.
Es ist oft derselbe Teil in dir, der schon als Kind entschieden hat, sich anzupassen, um dazuzugehören. Mehr dazu in meinem Blog «Dein kleines Ich». Nur dass er hier nicht leise wurde, sondern perfekt.
Und genau hier setzt echte Veränderung an. Nicht im Kopf. Sondern tiefer. Dort, wo diese Muster entstanden sind.
FÜR DICH. JETZT.
Beobachte dich heute einmal: Wann willst du etwas perfekt machen?
Beim Schreiben. Beim Sprechen. Im Alltag.
Und dann stopp.
Frag dich nicht: Wie mache ich es besser?
Sondern: Was passiert, wenn ich es einfach gut genug lasse?
Und dann tu genau das. Nicht perfekt. Sondern fertig.
UND SEI STOLZ AUF DICH.
Bleib Perfektionist, wenn es für dich ist – um dich geht
In meinem Buch «Ungewollt und doch da» schreibe ich im Bonus-Kapitel «Miss Perfect»: Bleib unbedingt ein Perfektionist – aber ein bedachter, schlauer, einer der weiss, dass es sich lohnt sich für sich einzusetzen, für eine Prüfung, eine Abgabe der Masterarbeit, was auch immer.
Doch der Kuchen, welcher in der Mitte eingestürzt ist, was darauf hindeutet, dass er schön saftig ist im Innen, den bäckst du nicht nochmals neu. Verziere die „Delle“ mit einigen Früchten, oder lass ihn wie er ist!
Ein weiser Perfektionist gibt sein Bestes und bleibt dabei frei. Er macht Fehler zu Erfahrungen, nicht zu Urteilen über sich selbst.
Mehr dazu – inklusive der Frage, woher deine Energie eigentlich kommt und wofür du sie einsetzt – findest du im Buch UNGEWOLLT UND DOCH DA.
Zurück zur Wurzel
In meiner Arbeit mit Hypnose und ursachenorientierter OMNI Hypnosetherapie in Cham geht es genau darum: Nicht nur verstehen. Sondern lösen. Nicht an der Oberfläche. Sondern an der Wurzel.
Wir gehen gemeinsam dorthin zurück, wo das Gefühl entstanden ist, nicht zu genügen – nicht, um es zu bewerten, sondern um es zu verstehen. Erst wenn du siehst, woher der Druck wirklich kommt, kannst du ihn loslassen, statt gegen ihn zu kämpfen.
Perfektionismus ist nicht dein Feind. Er ist ein Signal. Und wenn du aufhörst, dagegen zu kämpfen und beginnst, ihn zu verstehen, kann sich etwas verändern. Nicht perfekt. Nicht auf Knopfdruck. Nicht mit Druck. Sondern Schritt für Schritt.
Die Fenster glänzen bei mir heute immer noch ab und zu aber ich muss nicht mehr immer perfekt sein. Ich habe die Wahl.
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, an die Wurzel zu gehen – ich bin da.
Herzlich
Eva-Maria