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Veröffentlicht 30. Juni 2026

Familiäre Prägung verstehen – wie deine Kindheit dich heute beeinflusst

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Eva-Maria Janutin

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#4

Du trägst Dinge, die nie dir gehört haben

Was du unbe­wusst über­nom­men hast – und wie es dein Leben heute noch bee­in­flussen kann.

 

Stell dir einen Kof­fer vor. Du hast ihn nie gepackt. Trotz­dem trägst du ihn. Vielle­icht wurde er dir schon sehr früh in die Hand gedrückt. Von dein­er Mut­ter. Deinem Vater. Von dem, was in dein­er Fam­i­lie schon lange vor dir da war. Nie­mand hat gefragt: «Willst du das eigentlich mit­nehmen?» Du hast es ein­fach getan. Kinder stellen Zuge­hörigkeit nicht infrage. Sie beobacht­en. Spüren. Passen sich an. Und manch­mal ler­nen sie sehr früh: So muss ich sein, damit alles gut bleibt. So darf ich nicht sein. Darüber sprechen wir nicht. Das macht man bei uns nicht. Reiss dich zusam­men. Sei vernün­ftig. Mach keine Umstände.

Vielle­icht wurde kein­er dieser Sätze je aus­ge­sprochen. Und trotz­dem kennst du sie.

 

Der Koffer wird irgendwann ziemlich schwer

Vielle­icht hast du geschwiegen, obwohl du etwas sagen woll­test. Funk­tion­iert, damit es für andere leichter war. Dich ver­ant­wortlich gefühlt für Stim­mungen, die gar nicht deine waren. Oder gel­ernt,  dich klein zu machen, weil jemand anderes mehr Raum brauchte.

Nicht geplant. Nicht entsch­ieden. Ein­fach gel­ernt. Und irgend­wann bist du erwach­sen.

Der Kof­fer ist immer noch da. Nur nen­nt ihn nie­mand mehr Kof­fer. Jet­zt heisst er vielle­icht: Pflicht­ge­fühl. Schuld. Angst. Anpas­sung. «So bin ich eben.»

Und genau bei diesem let­zten Satz werde ich hell­hörig. Bist du wirk­lich so? Oder bist du irgend­wann so gewor­den?

 

«Lieber ich als du»

Kinder nehmen unglaublich viel wahr. Die anges­pan­nte Mut­ter. Den trau­ri­gen Vater. Den Stre­it, über den am näch­sten Mor­gen nie­mand mehr spricht.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und manch­mal entste­ht daraus etwas sehr Leis­es: «Lieber ich als du.»

Ich trage mit. Ich mache keinen Ärg­er. Ich bin stark. Ich brauche nichts. Ich passe auf. Nicht weil ein Kind sich mor­gens hin­set­zt und diese Entschei­dung bewusst trifft. Son­dern weil Zuge­hörigkeit mächtig ist. Und manch­es, was damals geholfen hat, läuft später ein­fach weit­er. Auch wenn du es längst nicht mehr brauchst.

 

Wie sich familiäre Prägungen heute zeigen können

Vielle­icht fühlst du dich ver­ant­wortlich für Dinge, die gar nicht in dein­er Hand liegen.

Du hast Schuldge­füh­le, sobald es dir bess­er geht als jeman­dem in dein­er Fam­i­lie.

Du machst dich klein­er, obwohl nie­mand dich darum bit­tet.

Du ver­mei­dest Kon­flik­te. Übern­immst. Rettest. Hältst aus.

Oder du merkst irgend­wann:

Ich lebe nach Regeln, die ich nie selb­st aufgestellt habe.

Das ist ein beson­der­er Moment. Nicht unbe­d­ingt angenehm. Aber nüt­zlich.

Denn erst wenn du sie siehst, kannst du entschei­den, ob sie noch zu dir gehören.

 

Eine Angst, die sich wie Wahrheit anfühlte

Eine Kli­entin – nen­nen wir sie Anna – kam zu mir mit ein­er grossen Angst.

Sie war überzeugt, irgend­wann schw­er krank zu wer­den.

Nicht, weil es dafür einen aktuellen medi­zinis­chen Grund gab.

Son­dern weil Krankheit in ihrer Fam­i­lie über mehrere Gen­er­a­tio­nen eine grosse Rolle gespielt hat­te.

Für Anna fühlte sich das irgend­wann nicht mehr wie eine Möglichkeit an.

Son­dern wie ihre Zukun­ft. Sie nan­nte es nicht «famil­iäre Prä­gung».

Sie nan­nte es: «Ich weiss ein­fach, dass ich die Näch­ste bin.»

Im gemein­samen Arbeit­en wurde sicht­bar, wie selb­stver­ständlich dieser Gedanke für sie gewor­den war. Sie hat­te ihn nie bewusst gewählt. Trotz­dem lebte sie mit ihm. Und genau da liegt für mich etwas Entschei­den­des:

Eine Erwartung kann sich irgend­wann wie Wahrheit anfühlen – obwohl du sie nie selb­st gewählt hast.

Als Anna das erkan­nte, war die Angst nicht plöt­zlich per Knopf­druck ver­schwun­den. Aber sie war nicht mehr ein­fach «sie». Sie kon­nte sie anschauen. Und damit ent­stand etwas, das vorher kaum da war: Abstand.

 

Auch ich kenne solche Koffer

Meine Mut­ter und mein Brud­er waren psy­chisch krank. Bei­de waren immer wieder in psy­chi­a­trischen Kliniken. Als Kind und junge Frau kan­nte ich deshalb auch diese Angst:

Was, wenn das irgend­wann auch mich trifft?

Und dann machte ich etwas, das mich heute schmun­zeln lässt. Ich ori­en­tierte mich an meinem Vater. Mein Papa war psy­chisch gesund. Also hielt ich mich inner­lich an ihm fest. Ich werde nach Papa kom­men. Ganz bes­timmt. Ich hat­te schliesslich sog­ar seine Waden. Und die waren nicht zu überse­hen. Kräftig. Mas­siv. Meine Mut­ter hat­te richtige Vogel­waden. Mein Brud­er genau­so.

Und ich? Ich war ein Mäd­chen mit Papas Waden. Für die es prak­tisch keine Stiefel gab. Damals war das für mich beina­he ein Beweis­stück: Siehst du. Ich komme nach Papa. Natür­lich weiss ich heute, dass kräftige Waden keine psy­chi­a­trische Prog­nose sind. Aber damals gaben sie mir Halt. Und vielle­icht zeigt genau diese Geschichte etwas sehr Schönes: Wir suchen uns manch­mal ganz eigene Wege, um mit dem umzuge­hen, was in unser­er Fam­i­lie wirkt. Manche davon sind schw­er. Andere passen ein­fach in keinen Stiefel.

 

Manche Dinge verstehst du, bevor du Worte dafür hast

Das ist ein­er der Gründe, weshalb ich bei famil­iären Prä­gun­gen nicht nur auf das schaue, was bewusst erzählt wurde.

Mich inter­essiert auch das, was selb­stver­ständlich gewor­den ist. Die Rolle, die du über­nom­men hast. Die Regel, die nie­mand aus­ge­sprochen hat. Die Ver­ant­wor­tung, die plöt­zlich bei dir lag.

Manch­es hast du ver­standen, lange bevor du Worte dafür hat­test. Und nur weil etwas alt ist, ist es noch lange nicht deins.

Meine Mut­ter sagte oft zu mir: «Wenn du etwas erre­ichen willst, musst du hart arbeit­en.»

Ich habe diesen Satz lange her­vor­ra­gend erfüllt. Unbe­wusst.

Viel arbeit­en. Fleis­sig sein. Leis­ten. Und Erfolg fühlte sich fast nur dann richtig an, wenn ich mich dafür ordentlich angestrengt hat­te. Bis ich irgend­wann merk­te: Das ist die Überzeu­gung mein­er Mut­ter. Sie darf ihre bleiben.

Aber sie muss nicht automa­tisch meine sein. Erfolg kann sich doch auch leicht anfühlen, wie ger­ade let­zten Monat …

Manche Sätze dür­fen wir zurück­geben. Nicht im Stre­it. Nicht als Ablehnung. Son­dern liebevoll – und sehr bes­timmt.

 

FÜR DICH. JETZT.

Welchen Satz aus dein­er Fam­i­lie trägst du bis heute? Vielle­icht:

«Wenn du etwas erre­ichen willst, musst du hart arbeit­en.»
«Jungs dür­fen nicht weinen.»
«Was sollen die Leute denken?»
«Du musst dich küm­mern.»

Nimm den Satz, der als Erstes kommt. Und frag dich: Ist das wirk­lich meine Überzeu­gung?

Wenn nicht, stell dir die Per­son vor, zu der dieser Satz gehört. Und gib ihn zurück. Liebevoll. Aber bes­timmt.

«Ich danke dir für vieles, was du mir mit­gegeben hast. Aber dieser Satz gehört zu dir. Ich habe ihn lange mit­ge­tra­gen. Jet­zt gebe ich ihn dir zurück – in Liebe und Dankbarkeit.» Danke.

Dann bleib einen Moment still. Und frag dich: Was glaube ich stattdessen? Nimm die erste Antwort, die wirk­lich nach dir klingt.

Fer­tig.

 

Zurück zu dir

Du bist Teil dein­er Fam­i­lie. Aber du bist nicht verpflichtet, alles weit­erzu­tra­gen.

Zuge­hörigkeit bedeutet nicht: dich selb­st zu ver­lieren.

Fam­i­lien­bande kön­nen tra­gen. Oder fes­thal­ten.
Und manch­mal ist der wichtig­ste Schritt: dich inner­lich zu lösen.

Fam­i­lien­muster sind nicht dein Feind. Sie sind ein Sig­nal. Und wenn du bere­it bist, sie zu ver­ste­hen, kann daraus etwas Neues entste­hen. Nicht sofort. Nicht per­fekt. Aber echt.

Der Kof­fer, den du getra­gen hast, war nie dein­er. Du darf­st ihn abstellen. Und mit leeren Hän­den weit­erge­hen.

Wenn du spürst, dass es Zeit ist, an die Wurzel zu gehen – ich bin da.

Her­zlich
Eva-Maria

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