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Veröffentlicht 30. Juni 2026

Inneres Kind verstehen – wie deine Kindheit dein Verhalten bis heute prägt

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Eva-Maria Janutin

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#6

Du bist erwachsen. Aber etwas in dir ist es nicht

Warum alte Erfahrun­gen manch­mal mitre­den, obwohl das Heute längst ein anderes ist.

 

Du bist erwach­sen. Du hast gel­ernt. Ver­standen. Entschei­dun­gen getrof­fen. Und trotz­dem gibt es diese Momente, in denen du dich selb­st nicht ver­stehst.

Du willst vor­wärts. Und etwas in dir sagt: Lieber nicht. Nicht laut. Aber deut­lich genug. Du zögerst. Ziehst dich zurück.

Sagst Nein zu etwas, das du eigentlich willst. Oder Ja zu etwas, das du längst nicht mehr möcht­est. Und fragst dich hin­ter­her: Warum mache ich das eigentlich?

 

Das innere Seil

Stell dir vor, ein Teil in dir möchte los­ge­hen. Klar. Bere­it. Entschlossen. Und gle­ichzeit­ig zieht etwas am anderen Ende. Wie ein unsicht­bares Seil. San­ft. Aber spür­bar. Nicht, weil du zu wenig mutig bist. Nicht, weil du dich ein­fach mehr zusam­men­reis­sen müsstest.

Vielle­icht gibt es in dir einen jün­geren Teil, der irgend­wann gel­ernt hat: Vor­sicht. Nicht auf­fall­en. Nicht zu viel wollen. Lieber zuerst schauen, ob es sich­er ist.

Dein kleines Ich. Nicht als kom­pliziertes Konzept. Son­dern als das, was von früher in dir geblieben ist. Erfahrun­gen. Gefüh­le. Alte Schlussfol­gerun­gen.

 

Dein kleines Ich kann wunderbar lachen

Beim inneren Kind denken wir schnell an Ver­let­zun­gen. An Angst. Trau­rigkeit. Alte Wun­den. Das gehört dazu. Aber dein kleines Ich ist nicht nur für die schwieri­gen Dinge zuständig.

Es ist auch der Teil, der lacht, bevor er prüft, ob das ger­ade angemessen ist. Der neugierig ist. Der mutig aus­pro­biert. Der im Regen vielle­icht lieber in die Pfütze springt, als vernün­ftig drum herumzu­laufen.

Du kennst solche Men­schen. Diesen Schalk in den Augen. Diese Lebendigkeit. Nicht gemacht. Nicht per­fekt. Ein­fach da.

Vielle­icht ist dein kleines Ich also nicht nur jemand, um den du dich küm­mern darf­st. Vielle­icht ist dort auch etwas, das du ver­misst.

 

Manche Regeln haben ihr Ablaufdatum verpasst

Kinder ver­ste­hen Sit­u­a­tio­nen noch nicht wie Erwach­sene. Und manch­mal entste­hen dabei erstaunlich lan­glebige Sätze:

«Ich bin schuld.»
«Ich bin zu viel.»
«Ich muss lieb sein.»
«Ich darf nie­man­den ent­täuschen.»
«Ich muss mich anpassen.»

Damals kann so eine innere Regel hil­fre­ich gewe­sen sein. Heute vielle­icht nicht mehr. Nur haben alte Schutzmech­a­nis­men ein kleines Prob­lem: Sie ken­nen ihr Ablauf­da­tum nicht.

Jedes Joghurt in deinem Kühlschrank hat eines.

Jedes Kaf­feerähm­li auch.

Eine alte Angst lei­der nicht.

Die kann mit 42 noch zuver­läs­sig ihren Dienst ver­richt­en, obwohl sie eigentlich für das kleine Kind von damals eingestellt wurde.

Und nie­mand hat ihr gesagt: Danke. War damals hil­fre­ich. Aber deine Schicht ist vor­bei.

 

Du brauchst heute vielleicht einen anderen Schutz

Du bist erwach­sen. Das heisst nicht, dass du keinen Schutz mehr brauchst.  Natür­lich brauchst du ihn manch­mal. Aber vielle­icht nicht mehr den von damals. Vielle­icht musst du heute nicht mehr schweigen. Nicht mehr alles richtig machen. Nicht mehr zuerst prüfen, ob alle anderen zufrieden sind. Nicht mehr ver­schwinden, sobald jemand laut wird.

Dein erwach­senes Ich hat heute Möglichkeit­en, die du als Kind nicht hat­test. Und genau das darf der jün­gere Teil in dir erfahren. Nicht: «Reiss dich zusam­men.» Son­dern: «Ich sehe dich. Ich bin heute da. Du musst das nicht mehr allein regeln.»

 

Wissen allein reicht manchmal nicht

Du kannst längst ver­standen haben, warum du etwas tust. Du kannst Büch­er darüber gele­sen haben. Pod­casts gehört. Sem­i­nare besucht. Drei Textmark­er ver­braucht. Und trotz­dem passiert es wieder. Du weisst: Ich müsste Nein sagen. Und sagst Ja.

Du weisst: Ich darf mich zeigen. Und machst dich klein.
Du weisst: Es gibt keinen Grund, Angst zu haben.

Und dein Kör­p­er hat offen­bar die entsprechende E‑Mail nicht bekom­men.
Genau deshalb finde ich den jün­geren Teil in uns so span­nend. Nicht, weil wir für immer in unser­er Kind­heit herumwühlen müssen. Son­dern weil Ver­ste­hen manch­mal erst dann etwas verän­dert, wenn es auch dort ankommt, wo die alte Reak­tion sitzt.

Manch­mal trägt dein kleines Ich dabei sog­ar Dinge mit, die schon in dein­er Fam­i­lie da waren. Darüber schreibe ich auch in meinem Blog «Fam­i­lien­bande».

 

FÜR DICH. JETZT.

Schliess für einen Moment die Augen. Sieh dich selb­st als kleines Kind. Vielle­icht bist du drei oder vier Jahre alt.

Schau dieses Kind ein­fach an. Wie ste­ht es da? Wie schaut es dich an? Vor­sichtig? Neugierig? Unsich­er? Vielle­icht frech?

Geh zu ihm. Tröste es, wenn es Trost braucht. Sag ihm, wie toll du es find­est. Wie stolz du auf es bist. Dass es nicht alles ver­ste­hen muss. Dass es nicht immer stark, brav oder vernün­ftig sein muss. Dass es auch ein­mal keine Lust haben darf. Auf Ler­nen. Auf Schule. Auf all das, was Erwach­sene ger­ade wichtig find­en.

Und vor allem sag ihm: «Ich bin immer für dich da. Egal, was passiert.» Sag es ruhig noch ein­mal. «Ich bin immer für dich da. Egal, was passiert.»

Bleib bei deinem kleinen Ich. Bis du spürst: Jet­zt ist es gut.

Dann stell dir vor, dass es ganz klein wird. So klein, dass es wun­der­bar in dein Herz passt. Nimm es zu dir. Dort darf es bleiben.

Und wenn dir danach ist, schau ein­fach ein­mal nach links unten.

Vielle­icht schaut dein kleines Ich schon zurück.

 

Vielleicht musst du dein kleines Ich gar nicht reparieren

Das gefällt mir an der Arbeit mit dem inneren Kind beson­ders:

Es geht für mich nicht darum, einen kaput­ten Teil von dir zu repari­eren.

Vielle­icht ist er gar nicht kaputt.

Vielle­icht hat er ein­fach sehr lange dieselbe Auf­gabe erledigt. Auf­passen. Anpassen. Zurück­hal­ten. Sicher­heit schaf­fen. Und irgend­wann darf­st du fra­gen: Brauchst du diese Auf­gabe heute noch?

In mein­er Arbeit mit Hyp­nose und Hyp­nosether­a­pie in Cham begeg­nen mir solche alten Reak­tio­nen immer wieder. Nicht als Schublade. Nicht nach dem Mot­to: «Aha. Kind­heit. Ursache gefun­den.»

So ein­fach sind Men­schen nicht. Mich inter­essiert vielmehr: Was hat dieser jün­gere Teil gel­ernt? Was wollte er damals für dich erre­ichen? Und was braucht er heute, damit er nicht mehr alles allein tra­gen muss?

 

Und dann ist da noch der Schalk

Dein kleines Ich ist nicht nur der Teil, der Angst hat­te. Es ist vielle­icht auch der Teil, der Erd­beeren direkt aus der Schale gegessen hat. Der Fra­gen stellte, bis Erwach­sene leicht gen­ervt wur­den. Der getanzt hat, ohne zu über­prüfen, ob jemand zuschaut. Der Dinge aus­pro­bierte, bevor er wusste, ob er darin gut sein würde.

Vielle­icht ist also nicht die Frage: Wie werde ich mein inneres Kind los? Son­dern: Welchen Teil davon möchte ich wieder näher bei mir haben?

Vielle­icht den Mut. Die Neugi­er. Die Frech­heit. Den Schalk. Oder ein­fach dieses wun­der­bare Gefühl, nicht jede Minute vernün­ftig sein zu müssen.

Du bist heute erwach­sen. Zum Glück. Aber du musst deshalb nicht alles zurück­lassen, was du ein­mal warst.

Vielle­icht musst du dein kleines Ich nicht repari­eren. Vielle­icht darf­st du es ein­fach wieder ken­nen­ler­nen.

Wenn du dabei Begleitung möcht­est – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

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