#6
Du bist erwachsen. Aber etwas in dir ist es nicht
Warum alte Erfahrungen manchmal mitreden, obwohl das Heute längst ein anderes ist.
Du bist erwachsen. Du hast gelernt. Verstanden. Entscheidungen getroffen. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen du dich selbst nicht verstehst.
Du willst vorwärts. Und etwas in dir sagt: Lieber nicht. Nicht laut. Aber deutlich genug. Du zögerst. Ziehst dich zurück.
Sagst Nein zu etwas, das du eigentlich willst. Oder Ja zu etwas, das du längst nicht mehr möchtest. Und fragst dich hinterher: Warum mache ich das eigentlich?
Das innere Seil
Stell dir vor, ein Teil in dir möchte losgehen. Klar. Bereit. Entschlossen. Und gleichzeitig zieht etwas am anderen Ende. Wie ein unsichtbares Seil. Sanft. Aber spürbar. Nicht, weil du zu wenig mutig bist. Nicht, weil du dich einfach mehr zusammenreissen müsstest.
Vielleicht gibt es in dir einen jüngeren Teil, der irgendwann gelernt hat: Vorsicht. Nicht auffallen. Nicht zu viel wollen. Lieber zuerst schauen, ob es sicher ist.
Dein kleines Ich. Nicht als kompliziertes Konzept. Sondern als das, was von früher in dir geblieben ist. Erfahrungen. Gefühle. Alte Schlussfolgerungen.
Dein kleines Ich kann wunderbar lachen
Beim inneren Kind denken wir schnell an Verletzungen. An Angst. Traurigkeit. Alte Wunden. Das gehört dazu. Aber dein kleines Ich ist nicht nur für die schwierigen Dinge zuständig.
Es ist auch der Teil, der lacht, bevor er prüft, ob das gerade angemessen ist. Der neugierig ist. Der mutig ausprobiert. Der im Regen vielleicht lieber in die Pfütze springt, als vernünftig drum herumzulaufen.
Du kennst solche Menschen. Diesen Schalk in den Augen. Diese Lebendigkeit. Nicht gemacht. Nicht perfekt. Einfach da.
Vielleicht ist dein kleines Ich also nicht nur jemand, um den du dich kümmern darfst. Vielleicht ist dort auch etwas, das du vermisst.
Manche Regeln haben ihr Ablaufdatum verpasst
Kinder verstehen Situationen noch nicht wie Erwachsene. Und manchmal entstehen dabei erstaunlich langlebige Sätze:
«Ich bin schuld.»
«Ich bin zu viel.»
«Ich muss lieb sein.»
«Ich darf niemanden enttäuschen.»
«Ich muss mich anpassen.»
Damals kann so eine innere Regel hilfreich gewesen sein. Heute vielleicht nicht mehr. Nur haben alte Schutzmechanismen ein kleines Problem: Sie kennen ihr Ablaufdatum nicht.
Jedes Joghurt in deinem Kühlschrank hat eines.
Jedes Kaffeerähmli auch.
Eine alte Angst leider nicht.
Die kann mit 42 noch zuverlässig ihren Dienst verrichten, obwohl sie eigentlich für das kleine Kind von damals eingestellt wurde.
Und niemand hat ihr gesagt: Danke. War damals hilfreich. Aber deine Schicht ist vorbei.
Du brauchst heute vielleicht einen anderen Schutz
Du bist erwachsen. Das heisst nicht, dass du keinen Schutz mehr brauchst. Natürlich brauchst du ihn manchmal. Aber vielleicht nicht mehr den von damals. Vielleicht musst du heute nicht mehr schweigen. Nicht mehr alles richtig machen. Nicht mehr zuerst prüfen, ob alle anderen zufrieden sind. Nicht mehr verschwinden, sobald jemand laut wird.
Dein erwachsenes Ich hat heute Möglichkeiten, die du als Kind nicht hattest. Und genau das darf der jüngere Teil in dir erfahren. Nicht: «Reiss dich zusammen.» Sondern: «Ich sehe dich. Ich bin heute da. Du musst das nicht mehr allein regeln.»
Wissen allein reicht manchmal nicht
Du kannst längst verstanden haben, warum du etwas tust. Du kannst Bücher darüber gelesen haben. Podcasts gehört. Seminare besucht. Drei Textmarker verbraucht. Und trotzdem passiert es wieder. Du weisst: Ich müsste Nein sagen. Und sagst Ja.
Du weisst: Ich darf mich zeigen. Und machst dich klein.
Du weisst: Es gibt keinen Grund, Angst zu haben.
Und dein Körper hat offenbar die entsprechende E‑Mail nicht bekommen.
Genau deshalb finde ich den jüngeren Teil in uns so spannend. Nicht, weil wir für immer in unserer Kindheit herumwühlen müssen. Sondern weil Verstehen manchmal erst dann etwas verändert, wenn es auch dort ankommt, wo die alte Reaktion sitzt.
Manchmal trägt dein kleines Ich dabei sogar Dinge mit, die schon in deiner Familie da waren. Darüber schreibe ich auch in meinem Blog «Familienbande».
FÜR DICH. JETZT.
Schliess für einen Moment die Augen. Sieh dich selbst als kleines Kind. Vielleicht bist du drei oder vier Jahre alt.
Schau dieses Kind einfach an. Wie steht es da? Wie schaut es dich an? Vorsichtig? Neugierig? Unsicher? Vielleicht frech?
Geh zu ihm. Tröste es, wenn es Trost braucht. Sag ihm, wie toll du es findest. Wie stolz du auf es bist. Dass es nicht alles verstehen muss. Dass es nicht immer stark, brav oder vernünftig sein muss. Dass es auch einmal keine Lust haben darf. Auf Lernen. Auf Schule. Auf all das, was Erwachsene gerade wichtig finden.
Und vor allem sag ihm: «Ich bin immer für dich da. Egal, was passiert.» Sag es ruhig noch einmal. «Ich bin immer für dich da. Egal, was passiert.»
Bleib bei deinem kleinen Ich. Bis du spürst: Jetzt ist es gut.
Dann stell dir vor, dass es ganz klein wird. So klein, dass es wunderbar in dein Herz passt. Nimm es zu dir. Dort darf es bleiben.
Und wenn dir danach ist, schau einfach einmal nach links unten.
Vielleicht schaut dein kleines Ich schon zurück.
Vielleicht musst du dein kleines Ich gar nicht reparieren
Das gefällt mir an der Arbeit mit dem inneren Kind besonders:
Es geht für mich nicht darum, einen kaputten Teil von dir zu reparieren.
Vielleicht ist er gar nicht kaputt.
Vielleicht hat er einfach sehr lange dieselbe Aufgabe erledigt. Aufpassen. Anpassen. Zurückhalten. Sicherheit schaffen. Und irgendwann darfst du fragen: Brauchst du diese Aufgabe heute noch?
In meiner Arbeit mit Hypnose und Hypnosetherapie in Cham begegnen mir solche alten Reaktionen immer wieder. Nicht als Schublade. Nicht nach dem Motto: «Aha. Kindheit. Ursache gefunden.»
So einfach sind Menschen nicht. Mich interessiert vielmehr: Was hat dieser jüngere Teil gelernt? Was wollte er damals für dich erreichen? Und was braucht er heute, damit er nicht mehr alles allein tragen muss?
Und dann ist da noch der Schalk
Dein kleines Ich ist nicht nur der Teil, der Angst hatte. Es ist vielleicht auch der Teil, der Erdbeeren direkt aus der Schale gegessen hat. Der Fragen stellte, bis Erwachsene leicht genervt wurden. Der getanzt hat, ohne zu überprüfen, ob jemand zuschaut. Der Dinge ausprobierte, bevor er wusste, ob er darin gut sein würde.
Vielleicht ist also nicht die Frage: Wie werde ich mein inneres Kind los? Sondern: Welchen Teil davon möchte ich wieder näher bei mir haben?
Vielleicht den Mut. Die Neugier. Die Frechheit. Den Schalk. Oder einfach dieses wunderbare Gefühl, nicht jede Minute vernünftig sein zu müssen.
Du bist heute erwachsen. Zum Glück. Aber du musst deshalb nicht alles zurücklassen, was du einmal warst.
Vielleicht musst du dein kleines Ich nicht reparieren. Vielleicht darfst du es einfach wieder kennenlernen.
Wenn du dabei Begleitung möchtest – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria