#7
Worauf genau antwortest du?
Du hörst eine Frage. Aber du antwortest auf das, was sie in dir auslöst.
Anna und Barbara leiten gemeinsam die Personalabteilung. Seit sieben Jahren. Sie kennen sich gut, vertrauen einander und sind ein eingespieltes Team. Anna kommt nach drei Wochen Ferien zurück. Barbara bringt sie auf den neuesten Stand. «Ich muss dir zuerst etwas beichten. Bei der offenen Stelle konnte ich nicht warten. Es kamen so viele gute Bewerbungen rein. Drei habe ich schon getroffen.»
Anna lacht. «Und?»
«Einer gefällt mir richtig gut. Philip. Den würde ich am liebsten sofort einstellen. Er hat allerdings ein kleines Handicap im Lebenslauf.»
«Handicap?»
«Er ist vorbestraft. Eine Jugendsünde. Er hat als junger Mann schnelle Mopeds gestohlen.»
Anna schmunzelt. «Okay. Wir sind ja auch nicht der Papst.»
Jetzt stell dir dieselbe Szene nochmals vor.
«Er hat allerdings ein kleines Handicap.»
«Handicap?»
«Er kommt gerade aus einer Entzugsklinik. Alkohol.»
Und plötzlich fliegt der Kugelschreiber durch den Raum.
«Das ist nicht dein Ernst!
Einen Alki?
Bei uns im Team?
Hast du sie noch alle?»
Gleiche Barbara.
Gleiche Stelle.
Gleiche Frage.

Völlig andere Reaktion.
Vielleicht kennst du solche Momente selbst. Deine Reaktion ist schon da, bevor dein Kopf richtig verstanden hat, warum. Später denkst du: Was war denn das gerade?
Dein Unbewusstes erinnert sich schneller als du
Wenn Anna mit Alkohol Erfahrungen verbindet, die Angst, Unsicherheit oder Kontrollverlust bedeuteten, hört sie bei «Alkoholproblem» möglicherweise nicht nur eine Information über einen Bewerber. Da spricht etwas Altes mit.
Vielleicht ein Bild.
Ein Gefühl.
Eine Erinnerung.
Etwas, das ihr Unbewusstes schneller erkennt als ihr Kopf.

Und genau deshalb finde ich Kommunikation so spannend.
Denn du antwortest nicht immer nur auf Worte. Du antwortest auch auf das, was diese Worte in dir berühren.
Was wurde gesagt – und was hast du gehört?
Jemand sagt: «Kannst du mir die Unterlagen noch schicken?»
Eigentlich eine einfache Frage. Und trotzdem zieht sich bei dir alles zusammen.
Vielleicht hörst du: «Du hast wieder etwas vergessen.»
Oder: «Du machst es nicht richtig.»
Oder: «Ich kontrolliere dich.»
Und plötzlich antwortest du nicht mehr nur auf die Frage. Du antwortest auf das, was sie in dir ausgelöst hat. Das kann in Sekunden passieren. Ohne Plan. Ohne böse Absicht. Ohne dass du überhaupt merkst, woher die Reaktion kommt.
Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil Zeit vergeht
Manche Erfahrungen sind alt. Sehr alt. Und trotzdem melden sie sich erstaunlich zuverlässig, sobald etwas im Heute daran erinnert. Ein Tonfall. Ein Blick. Ein Satz. Ein bestimmtes Wort. Ein Mensch, der jemandem von früher ähnlich sieht. Das Unbewusste hat ein erstaunliches Gedächtnis. Es muss dir dafür keine fertige Erinnerung schicken.
Ein Gefühl reicht. Enge. Misstrauen. Rückzug. Wut. Oder dieses schnelle innere: Nein. Noch bevor du weisst, worauf du eigentlich Nein sagst.
Kommunikation ist mehr als das, was aus deinem Mund kommt
Du sprichst nie nur mit Worten. Du bringst dich mit. Deine Ruhe. Deine Anspannung. Deine Sicherheit. Deine alten Muster.
Du kannst «Alles gut» sagen – und jeder im Raum merkt, dass überhaupt nichts gut ist. Oder du sagst wenig. Und es ist trotzdem klar.
Kommunikation ist nicht nur: Was sage ich? Sondern auch: Von wo in mir sage ich es?
Ein Wort, das mich begleitet
Ich habe für meine Sprache ein Wort: ERHEBEND.
Nicht künstlich nett. Nicht weich. Nicht alles schönreden. Sondern so, dass der andere nach deinen Worten nicht kleiner ist als vorher. Das gilt für Gespräche. Für Konflikte. Für Kritik. Und auch dann, wenn die andere Person gar nicht im Raum ist.
Wie sprichst du über andere?
Manchmal zeigt sich unsere Haltung besonders deutlich, wenn jemand nicht dabei ist. Machst du ihn kleiner? Lächerlich? Dumm? Damit du für einen Moment grösser wirkst?
Oder kannst du klar sagen, dass du etwas nicht gut findest, ohne den Menschen gleich mit abzuwerten? Das ist für mich erhebend. Nicht brav. Nicht konfliktfrei. Sondern klar – ohne unnötig zu verletzen.
Und dann gibt es noch eine Person, mit der du den ganzen Tag sprichst. Dich selbst.
FÜR DICH. JETZT.
Nimm heute einen Satz, den jemand zu dir sagt.
Bevor du antwortest, frag dich:Was habe ich gerade wirklich gehört?
Die Worte?
Oder etwas darunter?
Kritik?
Ablehnung?
Kontrolle?
Enttäuschung?Atme einmal.
Und dann frag dich:Worauf möchte ich jetzt antworten?
Auf das, was wirklich gesagt wurde?
Oder auf das, was mein altes Muster daraus gemacht hat?
Mehr nicht.
Nur diesen kleinen Zwischenraum.
Und wie sprichst du mit dir?
Hand aufs Herz: Wie oft sagst du Dinge zu dir, die du keinem Menschen sagen würdest, den du liebst?
«Klar, dass mir das passiert.»
«Bin ich blöd?»
«Ich bin nicht gut genug.»
«Ich kriege das nie hin.»
«Ich verdiene das nicht.»
Manchmal bemerken wir diese Sätze kaum noch. Sie laufen einfach mit. Wie Hintergrundmusik, die keiner bestellt hat. Und genau da darfst du hinschauen. Nicht um dich zu kontrollieren.
Sondern um bewusster zu wählen. Mein einfachster Satz dafür ist:
«Ich akzeptiere mich selbst.»
Unspektakulär. Keine Fanfare. Kein Feuerwerk. Ein Satz.
Aber einer, der etwas anderes mit dir macht als: «Was stimmt eigentlich nicht mit mir?»
Sprache hinterlässt Spuren
Gedanken werden nicht automatisch Schicksal. Worte auch nicht. Aber was du immer wieder denkst, sagst und über dich glaubst, bleibt nicht bedeutungslos. Es beeinflusst, wie du dich siehst. Wie du handelst. Was du dir zutraust. Und wie du anderen begegnest.
Darum lohnt sich Sprache. Nicht, weil du jedes Wort kontrollieren musst. Sondern weil du irgendwann merkst: Ich kann anders mit mir sprechen. Und anders mit anderen.
Zurück zu dir
In meiner Arbeit mit Hypnose und Hypnosetherapie in Cham interessiert mich bei Kommunikation deshalb nicht nur: Was hast du gesagt? Mich interessiert: Worauf hast du eigentlich geantwortet?
Was wurde im Heute gesagt? Und was hat etwas Altes daraus gemacht? Nicht jede heftige Reaktion braucht eine grosse Geschichte. Manchmal war der andere tatsächlich einfach daneben.
Auch das kommt vor. Aber wenn du dich nach einer Reaktion selbst fragst: «Warum hat mich das so getroffen?» dann lohnt sich genau dort ein Blick. Vielleicht entdeckst du, dass etwas in dir schon sehr lange zuhört. Und wenn du beginnst, das zu erkennen, entsteht dieser kleine Moment zwischen Reiz und Antwort.
Nicht immer. Nicht perfekt. Aber öfter.
Und manchmal reicht genau dieser Moment, damit du nicht mehr automatisch antwortest.
Sondern als du.
Wenn du verstehen möchtest, was in dir manchmal schneller spricht als du selbst – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria