#8
Dein Nein ist kein Verlust. Es ist dein Anfang
Warum ein falsches «Ja» dich von dir entfernt – und ein ehrliches «Nein» dich zurück zu dir bringt.
Heute nehme ich dich mit in meine Praxis. An meinen Beizentisch. Er steht schon lange da. Unterschiedliche Stühle, warm, einladend, ganz normal. Keine klinische Atmosphäre. Kein Schreibtisch zwischen uns. Hier wird geredet. Gelacht. Geweint. Manchmal geflucht. Urteilsfrei. Tabufrei. Und obwohl ich inzwischen durchaus im Jahr 2026 angekommen bin, liegt vor mir noch immer ein Blatt Papier.
Ja. Papier. Ich schreibe von Hand. Oben links auf diesem Blatt ist ein kleiner goldener Bilderrahmen. Den gibt es seit Beginn meiner Praxis. Und der wird bleiben. Dort hinein schreibe ich den Wunsch meines Gegenübers.
Nicht: «Was soll weg?» Sondern: Wie möchtest du dich fühlen?
Mir gegenüber sass Simone. Diese Geschichte beruht auf einer realen Begegnung. Name und persönliche Details wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert.
Sie überlegte nicht lange. «Frei. Sicher. Mutig. Selbstbewusst meinen Weg gehen.»
Ich schrieb es in den goldenen Rahmen. Frei. Sicher. Mutig. Selbstbewusst meinen Weg gehen. «Genau das», sagte sie. «Das will ich.»
Und dann erzählte sie mir von ihrem Leben
Simone arbeitete für die Kirche. Ihr Vater war Pfarrer. Eigentlich machte ihr die Arbeit sogar Spass. Aber ihr Herz? Das schlug schon lange für Kunst und Design. Es gab da diese Stelle in einem Kunsthaus. Sie liebäugelte seit Ewigkeiten damit. Beworben hatte sie sich nie. «Mein Vater wäre wahnsinnig enttäuscht, wenn ich der Kirche den Rücken zukehre.»
Wir redeten weiter.
Ihre Mutter brauchte viel Unterstützung. Fast täglich war Simone bei ihr. Der Vater schaffte es nicht mehr allein. «Ich habe übrigens auch noch eine Schwester und einen Bruder», sagte sie und verdrehte leicht die Augen. Man verstand den Satz auch ohne weitere Erklärung.
Und dann war da ihr Partner. Den liebte sie. Sehr. Heiraten wollte sie ihn auch. Eigentlich. Nur ihre Familie war gegen diese Beziehung. Seine Familie sei zu reich. Zu versnobt. Zu eingebildet. Die Geschwister schlossen sich der Meinung der Eltern an. Dabei, erzählte Simone, sei ihr Freund unglaublich liebevoll. Er unterstütze sie, wenn sie sich um ihre Mutter kümmere. Er sei zuverlässig. Grosszügig. Für sie da. Und er fuhr einen Porsche. «Mit dem darf er aber nicht vor dem Haus meiner Eltern parkieren.»
Ich schaute sie an. «Würdest du gerne damit hinfahren?» Sie lachte. «Ja klar. Ich liebe dieses Auto. Er auch.» Kurze Pause. Dann verdrehte sie wieder die Augen. «Aber mein Vater hätte wahrscheinlich einen Infarkt.»
Ich schaute Simone an. Und sagte: «Du wirst nie die Person, die du sein willst, wenn du nicht für dich einstehen kannst.»
Stille. Nicht unangenehm. Aber deutlich. Dieser Satz sass.
Kennst du eine selbstbestimmte Persönlichkeit, die nicht Nein sagen kann?
Ich nicht. Denn genau darum geht es. Nicht darum, plötzlich überall Nein zu sagen. Nicht darum, hart zu werden. Nicht darum, dich gegen alle zu stellen. Sondern darum, dass deine eigene Stimme in deinem Leben überhaupt vorkommt.
Simone wusste längst, was sie wollte. Das Problem war nicht fehlende Klarheit. Sie wollte Kunst. Sie wollte ihren Partner. Sie wollte heiraten. Sie wollte ihre Familie lieben, ohne ihr gesamtes Leben nach deren Vorstellungen auszurichten.
Sie wusste es. Nur zwischen Wissen und Leben lagen ein paar ziemlich grosse Neins.
«Ich gebe dir noch Bescheid» Vielleicht kennst du diesen Satz. Oder:
«Ich weiss es noch nicht.»
«Ich überlege es mir.»
«Ich melde mich.»
Und manchmal ist das wirklich so. Du brauchst Zeit. Du willst darüber schlafen. Völlig in Ordnung.
Aber ich erlebe erstaunlich oft: Dieses «Ich weiss es noch nicht» ist längst ein Nein. Es traut sich nur noch nicht, eines zu sein. Und ein paar Tage später sagst du doch Ja. Zur Einladung. Zur zusätzlichen Aufgabe. Zum Termin. Zur Bitte. Und schon während du Ja sagst, merkst du: Mist.
Jedes falsche Ja hat einen Preis
Nicht jedes Ja, obwohl du lieber auf dem Sofa geblieben wärst, ist eine Identitätskrise. Manchmal hilft man jemandem. Manchmal macht man etwas für einen Menschen, den man liebt. Manchmal übernimmt man eine Aufgabe, obwohl man gerade keine Luftsprünge macht.
Das gehört zum Leben. Aber wenn du immer wieder Ja sagst, während in dir ein klares Nein steht, passiert etwas anderes. Du übergehst dich. Einmal. Noch einmal. Und noch einmal. Und irgendwann wird es schwierig, dich gleichzeitig wirklich ernst zu nehmen.
Denn wenn alle anderen in deinem Leben mitentscheiden dürfen – nur du selbst nicht – hinterlässt das Spuren.
Warum ist dieses kleine Wort so schwierig?
Nein. Vier Buchstaben. Eigentlich überschaubar. Und trotzdem kann sich ein Nein anfühlen, als würdest du gerade eine internationale Krise auslösen. Warum? Weil ein Nein manchmal nicht nur bedeutet: «Das möchte ich nicht.»
Sondern innerlich vielleicht:
«Dann enttäusche ich jemanden.»
«Dann ist jemand sauer.»
«Dann hält man mich für egoistisch.»
«Dann werde ich nicht mehr gemocht.»
«Dann gehöre ich vielleicht nicht mehr dazu.»
Vielleicht hast du früh gelernt, dass Harmonie sicherer ist als Klarheit. Dass die Bedürfnisse anderer zuerst kommen. Dass eine liebe Tochter hilft. Dass eine gute Partnerin Verständnis hat. Dass eine verlässliche Mitarbeiterin noch schnell übernimmt. Dass man niemanden enttäuscht.
Und irgendwann bist du fantastisch darin, für alle da zu sein. Nur eine Person wartet immer noch. Du.
Dein Garten
Mach etwas ganz Einfaches. Streck deine Arme vor dich. Beuge sie leicht. Stell dir vor, das sei dein Garten. Nicht riesig. Aber deiner. Du entscheidest, wer hinein darf. Wie lange. Wie weit. Und was in diesem Garten nichts verloren hat. Eigentlich ganz logisch.
Zwischen Ländern gibt es Grenzen. Zwischen Grundstücken. Sogar mein Nachbar weiss ziemlich genau, wo sein Rasen aufhört und meiner beginnt. Nur bei uns selbst wird es manchmal erstaunlich kompliziert. Wir öffnen das Gartentor, während in uns alles sagt: Bitte nicht. Und ärgern uns später über den Besuch.
Deine Grenze sagt mehr als «Stopp»
Eine Grenze sagt: «Das möchte ich.» «Das möchte ich nicht.» «So kannst du mit mir umgehen.» «So nicht.» Aber sie sagt noch etwas anderes. «Dafür stehe ich.»
Grenzen haben deshalb für mich sehr viel mit Werten zu tun. Mit Selbstachtung. Mit Selbstrespekt. Mit Identität. Wenn du nicht weisst, wo deine Grenze liegt, können andere sie auch nicht respektieren.
Und wenn du sie kennst, aber ständig selbst verschiebst, wird es für alle Beteiligten ziemlich schwierig.
Das Nein ist manchmal noch der einfache Teil
Du hast es geschafft. Du hast Nein gesagt. Klar. Freundlich. Fast ein bisschen stolz. Und dann passiert es. Der andere schaut enttäuscht.
Wird kühl. Fragt nochmals.
«Aber warum denn nicht?»
«Du hast doch sonst auch immer …»
«Das verstehe ich jetzt ehrlich gesagt nicht.»
Und plötzlich möchtest du dein schönes, frisch ausgesprochenes Nein am liebsten wieder einpacken. Hier wird es spannend. Grenzen setzen heisst auch auszuhalten, dass nicht jeder deine Grenze gut findet. Eine Grenze ist keine Abstimmung. Du brauchst keine Mehrheit.
Und übrigens auch keine PowerPoint-Präsentation mit sieben Folien, warum dein Nein wirklich gerechtfertigt ist. Manchmal reicht: «Nein, das passt für mich nicht.» Punkt.
Was mit Simone passierte
Nach unserem Gespräch arbeiteten wir mit Hypnose weiter. Wir schauten dorthin, wo dieses alte «Ich muss für alle anderen da sein» entstanden war. Was hatte Simone gelernt? Was wollte ein jüngerer Teil von ihr damit erreichen?
Was brauchte sie heute noch davon – und was nicht mehr? Und wir stärkten genau das, was oben links in meinem goldenen Rahmen stand: Frei. Sicher. Mutig. Selbstbewusst meinen Weg gehen.
Danach musste Simone nicht die Welt verändern. Sie musste nur anfangen, in ihrer eigenen vorzukommen. Und das tat sie. Sie begann für sich einzustehen. Nicht laut. Nicht respektlos. Nicht gegen ihre Familie. Für sich. Sie entschied sich für ihren beruflichen Weg. Für ihre Beziehung. Für ihre Hochzeit. Und ja: Alle kamen.
Für die Mutter wurde Unterstützung organisiert – nicht nur für den Hochzeitstag, sondern dauerhaft.
Mit dem Vater gab es zunächst eine kühlere Zeit. Auch Funkstille. Grenzen haben nicht immer sofort Konfetti zur Folge. Aber irgendwann meldete er sich wieder. Und später besuchte er seine Tochter sogar an ihrem neuen Arbeitsplatz.
Nicht alles zerbrach. Aber vieles musste sich neu sortieren. Und Simone? Sie lebte plötzlich nicht mehr nur davon, wer sie für andere sein sollte.
FÜR DICH. JETZT.
Denk an etwas, bei dem du gerade sagst: «Ich weiss noch nicht.»
Eine Einladung. Eine Bitte. Eine Aufgabe. Einen Termin. Eine Erwartung. Und dann frag dich:
Wenn ich niemanden enttäuschen könnte – was wäre meine Antwort?
Nicht die höflichste. Nicht die vernünftigste. Nicht die Antwort, mit der alle anderen am glücklichsten wären.
Deine.
Wenn sie Nein lautet, probier diesen Satz: «Nein, das passt für mich nicht.»
Kein Roman. Kein «weil» mit acht Nebensätzen. Keine Verteidigungsrede.
Nur ein ehrliches Nein.
Und dann kommt vielleicht der schwierigere Teil: Halte es einen Moment aus.
Das schlechte Gewissen. Die Irritation. Die enttäuschte Reaktion.
Ein schlechtes Gewissen ist nämlich noch kein Beweis dafür, dass du etwas Falsches getan hast.
Manchmal ist es nur ein Zeichen dafür, dass du etwas Neues tust.
Zurück zum goldenen Rahmen
Simones Wunsch stand während unseres ganzen Gesprächs oben links auf meinem Blatt. Frei. Sicher. Mutig. Selbstbewusst meinen Weg gehen. Eigentlich wusste sie längst, wohin sie wollte. Sie musste nur aufhören, alle anderen über ihre Route abstimmen zu lassen.
Und vielleicht ist es bei dir gar nicht so anders. Vielleicht weisst du längst, was du möchtest. Vielleicht fehlt dir nicht die Antwort. Vielleicht fehlt dir nur noch der Mut, sie auszusprechen.
Du wirst nie die Person, die du sein willst, wenn du nicht für dich einstehen kannst.
Ja. Der Satz ist direkt. UNGESCHMINKT eben.
Aber vielleicht brauchst du heute genau ihn. Denn dein Nein ist nicht automatisch ein Verlust. Manchmal ist es der Moment, in dem du dich selbst wieder mit an den Tisch holst.
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, nicht länger bei jeder wichtigen Entscheidung an dir selbst vorbeizugehen – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria