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Veröffentlicht 30. Juli 2026

Narzissmus erkennen – typische Muster und wie du dich schützt

Ein blauer Zwerg, der den Stinkefinger zeigt und das Thema Narzissmus symbolisieren soll
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Eva-Maria Janutin

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#9

Du wurdest nicht gesehen. Du wurdest benutzt, um gesehen zu werden

Warum du zuerst auf ein Podest gestellt wirst – und irgend­wann beginnst, dir selb­st nicht mehr zu glauben.

 

Bevor wir begin­nen, etwas Wichtiges: Nicht jed­er ego­is­tis­che, schwierige oder manip­u­la­tive Men­sch hat eine narzis­stis­che Per­sön­lichkeitsstörung.

Und dieser Blog, Narziss­mus erken­nen, stellt nie­man­dem eine Diag­nose. Mich inter­essiert etwas anderes. Was passiert mit dir in ein­er Beziehung, in der du dich zuerst aussergewöhn­lich gross fühlst – und später immer klein­er?

Dafür erzäh­le ich dir von Manuel.

 

Am Anfang war da dieses Gefühl: Wow

Manuel war jung, ehrgeizig und tal­en­tiert. Er bekam die Möglichkeit, mit einem Mann zusam­men­zuar­beit­en, der in sein­er Branche längst einen grossen Namen hat­te. Schon beim ersten gemein­samen Pro­jekt kam die Anerken­nung. Viel Anerken­nung.
«So etwas habe ich lange nicht gese­hen.»
«Du hast etwas Beson­deres.»
«Mit dir kön­nen wir richtig gross wer­den.»

Natür­lich tat das gut. Wer freut sich nicht, wenn ein Men­sch, zu dem man auf­schaut, etwas Gross­es in einem erken­nt? Manuel fühlte sich gese­hen. Richtig gese­hen.

 

Und dann kam die Nähe

Aus der beru­flichen Zusam­me­nar­beit wurde schnell mehr. Lange Gespräche. Per­sön­liche Geschicht­en. Ver­trauen. Der Mann erzählte Manuel von seinen Sor­gen, seinen Äng­sten, seinen Kon­flik­ten. Fragte ihn um Rat. Wollte seine Ein­schätzung. Irgend­wann ent­stand dieses Gefühl: Wir haben etwas Beson­deres. Nicht nur beru­flich. Men­schlich. Fast fre­und­schaftlich. Bis zum ersten Nein.

 

Die erste Grenze

Der Mann wollte Infor­ma­tio­nen von Manuel, die aus ein­er früheren beru­flichen Verbindung stammten. Manuel wollte sie nicht weit­ergeben. Für ihn war das eine Frage der Loy­al­ität. Also sagte er Nein. Ruhig. Ohne Dra­ma.

Sein Gegenüber reagierte sin­ngemäss: Loy­al­ität sei grund­sät­zlich richtig. Man müsse nur wis­sen, wem gegenüber. Der Satz blieb hän­gen. Zum ersten Mal war da dieses kleine Gefühl: Etwas stimmt nicht. Manuel gab die Infor­ma­tio­nen trotz­dem nicht weit­er. Und genau damit begann etwas Wichtiges: Er hat­te eine Gren­ze.

 

Und dann wurde Manuel sichtbar

Das gemein­same Pro­jekt entwick­elte sich her­vor­ra­gend. Plöt­zlich inter­essierten sich Men­schen für Manuel. Nicht nur für den bekan­nten Mann neben ihm. Für ihn. Seine Arbeit. Seine Ideen. Seine Per­sön­lichkeit. Er wurde ein­ge­laden. Bekam Anerken­nung. Men­schen woll­ten ihn hören. Und irgend­wann stand Manuel vor einem vollen Raum und begriff: Die sind wegen mir hier.

Eigentlich ein wun­der­schön­er Moment. Doch gle­ichzeit­ig verän­derte sich etwas. Das Lob seines Men­tors wurde sel­tener. Die Begeis­terung küh­ler. Die Nähe unzu­ver­läs­siger. Aus: «Du bist aussergewöhn­lich.» wurde langsam: «So aussergewöhn­lich ist das nun auch wieder nicht.»

Und Manuel begann den Fehler bei sich zu suchen. War ich undankbar? Habe ich mich verän­dert? Bin ich zu selb­st­be­wusst gewor­den? Hätte ich mich klein­er machen sollen?

 

Das Podest

Stell dir vor, jemand stellt dich auf ein Podest. Sehr hoch. Du wirst bewun­dert. Gefördert. Gese­hen. Und irgend­wann glaub­st du: Hier oben bin ich sich­er.

Das Prob­lem ist: Du hast dieses Podest nicht selb­st gebaut. Und damit liegt auch die Kon­trolle darüber nicht bei dir. Plöt­zlich kämpf­st du vielle­icht nicht mehr darum, weit­erzukom­men. Du kämpf­st darum, wieder dor­thin zurück­zukehren, wo du am Anfang warst. Gese­hen. Gewollt. Beson­ders.

 

Und genau hier beginnt die Zerreissprobe

Dann kam eine weit­ere Sit­u­a­tion. Dies­mal ging es darum, etwas anders darzustellen, als Manuel es selb­st für richtig hielt. Sein Gefühl war klar: Nein. Aber dieses Nein war nicht leicht. Denn inzwis­chen gab es etwas zu ver­lieren. Die Zusam­me­nar­beit. Die Möglichkeit­en. Die Nähe. Die Türen, die sich geöffnet hat­ten.

Vielle­icht sog­ar die Zukun­ft, die Manuel ger­ade vor sich sah. Und plöt­zlich lag er nachts wach. Nicht, weil er nicht wusste, was richtig war. Das wusste er. Son­dern weil eine andere Frage viel lauter gewor­den war: Was passiert, wenn ich bei mir bleibe? Was, wenn ich dann alles ver­liere? Was, wenn dieser Men­sch gegen mich arbeit­et?

Manuel dachte sog­ar darüber nach, nachzugeben. Nicht weil es sich plöt­zlich richtig anfühlte. Son­dern weil das andere so schön gewe­sen war. Und weil er Angst hat­te, es zu ver­lieren.

Manch­mal fehlt dir nicht die Klarheit. Manch­mal fehlt dir die Sicher­heit, dass du die Kon­se­quen­zen dein­er Klarheit aushältst.

 

Nicht jede intensive Nähe ist sichere Nähe

Etwas kann sich unglaublich nah anfühlen – und trotz­dem nicht sich­er sein.

Du kannst bewun­dert wer­den und gle­ichzeit­ig begin­nen, vor­sichtig zu wer­den. Du kannst viel Anerken­nung bekom­men und trotz­dem Angst davor haben, zu wider­sprechen. Du kannst jeman­dem nah­este­hen und anfan­gen, jedes Wort abzuwä­gen. Ger­ade deshalb kön­nen solche Beziehun­gen so ver­wirrend sein.

Es war nicht nur dunkel. Da war auch Licht. Sehr viel. Und vielle­icht ver­misst du irgend­wann gar nicht mehr nur den Men­schen. Son­dern die Ver­sion von dir, die du in seinen Augen am Anfang sein durftest.

Dann hoff­st du. Vielle­icht wird es wieder so. Vielle­icht muss ich nur etwas anders machen. Ruhiger sein. Ver­ständ­nisvoller. Weniger kri­tisch. Noch ein­mal erk­lären.

 

Verwirrung ist auch eine Information

Du brauchst nicht sofort zu wis­sen, wie du eine Beziehung einord­nen sollst. Keine Diag­nose. Kein Etikett. Aber wenn du nach Gesprächen regelmäs­sig ver­wirrter bist als vorher, darf­st du das ernst nehmen. Wenn du immer häu­figer an dein­er Wahrnehmung zweifelst, darf­st du das ernst nehmen. Wenn du dich nicht mehr traust, eine Gren­ze zu set­zen, weil du Angst vor der Reak­tion hast, darf­st du das ernst nehmen. Und wenn du merkst, dass du immer weniger du selb­st wirst: Bitte nimm auch das ernst.

 

Und nein – sie tragen nicht immer Hosen

Bei Narziss­mus haben viele Men­schen sofort ein bes­timmtes Bild im Kopf. Laut. Dom­i­nant. Über­legen. Männlich.

So ein­fach ist es nicht. Auch Frauen kön­nen manip­u­la­tive, kon­trol­lierende oder stark selb­st­be­zo­gene Beziehungsmuster leben. Und Kon­trolle muss nicht laut sein. Sie kann sich auch zeigen durch Nähe, Rück­zug, Schweigen, Schuldge­füh­le oder einen Satz, nach dem du plöt­zlich wieder bei dir den Fehler suchst.

Vielle­icht ist deshalb eine andere Frage wichtiger als: «Ist dieser Men­sch ein Narzisst?»

Näm­lich: «Was passiert mit mir, wenn ich mit diesem Men­schen zusam­men bin?»

 

Du musst ihn nicht verstehen

Vielle­icht hast du schon Stun­den damit ver­bracht. Warum macht er das? Warum sagt sie so etwas? Warum gestern Nähe und heute Kälte? Warum erst Bewun­derung und dann Abw­er­tung? Irgend­wann darf eine andere Frage wichtiger wer­den. Nicht: Warum ist der andere so?
Son­dern: Warum glaube ich mein­er eige­nen Wahrnehmung immer weniger? Du musst einen anderen Men­schen nicht bis ins let­zte Detail ver­ste­hen, bevor du dich schützen darf­st. Du brauchst keine gerichts­feste Bewe­is­führung dafür, dass dir etwas nicht gut­tut. Deine Wahrnehmung braucht keine Erlaub­nis.

 

FÜR DICH. JETZT.

Denk an eine Beziehung oder Verbindung, bei der du dich immer wieder fragst: «Bilde ich mir das ein?»

Nimm ein Blatt Papi­er.

Und schreib nicht auf, was du glaub­st, was der andere gemeint haben kön­nte. Keine Inter­pre­ta­tion. Keine Entschuldigung.

Nur: Was ist tat­säch­lich passiert?
Was wurde gesagt?
Was wurde getan?
Wie hast du dich vorher gefühlt?
Wie fühlst du dich danach?

Und dann eine einzige Frage: Werde ich in dieser Beziehung mehr ich – oder immer weniger?

Lass die Antwort ste­hen.
Du musst heute noch nichts entschei­den.
Aber glaub dir für diesen Moment.

 

Grenzen zeigen manchmal mehr als Nähe

Vielle­icht erkennst du eine Beziehung nicht daran, wie schön sie ist, solange du mit­gehst. Vielle­icht erkennst du sie daran, was passiert, wenn du beginnst, Nein zu sagen. Wenn du ander­er Mei­n­ung bist. Wenn du deinen eige­nen Erfolg feierst. Wenn du sicht­bar wirst. Denn Gren­zen zeigen nicht nur, wer du bist. Sie zeigen manch­mal auch, welche Beziehun­gen dich nur mocht­en, solange du keine hat­test.

Das ist unbe­quem.

 

Manuel brauchte keine Diagnose

Irgend­wann hörte Manuel auf, die andere Per­son voll­ständig ver­ste­hen zu wollen. Er wusste nur: Ich habe Angst, meine Mei­n­ung zu sagen. Ich ver­liere mich in Recht­fer­ti­gun­gen. Ich zwei­fle nach Gesprächen an Din­gen, die vorher für mich klar waren. Ich über­lege, gegen meine Werte zu han­deln, damit die Beziehung wieder gut wird. Das reichte.

Nicht für eine Diag­nose. Aber für eine Entschei­dung. Manuel begann wieder, sich selb­st zu glauben. Und vielle­icht liegt genau dort der wichtig­ste Schutz: Nicht darin, jeden manip­u­la­tiv­en Men­schen sofort zu erken­nen. Son­dern darin, dich selb­st so gut zu ken­nen, dass du irgend­wann bemerkst: Hier werde ich immer weniger ich.

Und dann darf­st du han­deln.
Auch wenn du noch Gefüh­le hast.
Auch wenn es ein­mal wun­der­schön war.
Auch wenn du nicht weisst, was danach kommt.

Du musst den anderen nicht ver­ste­hen. Du musst dich ver­ste­hen. Wenn du merkst, dass eine Beziehung dich immer weit­er von dir ent­fer­nt und du deine eigene Wahrnehmung wieder ernst nehmen möcht­est – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

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