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Veröffentlicht 30. Juli 2026

Grenzen setzen lernen – warum Nein sagen dein Leben verändert

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Eva-Maria Janutin

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#8

Dein Nein ist kein Verlust. Es ist dein Anfang

 

Warum ein falsches «Ja» dich von dir ent­fer­nt – und ein ehrlich­es «Nein» dich zurück zu dir bringt.

Heute nehme ich dich mit in meine Prax­is. An meinen Beizen­tisch. Er ste­ht schon lange da. Unter­schiedliche Stüh­le, warm, ein­ladend, ganz nor­mal. Keine klin­is­che Atmo­sphäre. Kein Schreibtisch zwis­chen uns. Hier wird gere­det. Gelacht. Geweint. Manch­mal geflucht. Urteils­frei. Tabufrei. Und obwohl ich inzwis­chen dur­chaus im Jahr 2026 angekom­men bin, liegt vor mir noch immer ein Blatt Papi­er.

Ja. Papi­er. Ich schreibe von Hand. Oben links auf diesem Blatt ist ein klein­er gold­en­er Bilder­rah­men. Den gibt es seit Beginn mein­er Prax­is. Und der wird bleiben. Dort hinein schreibe ich den Wun­sch meines Gegenübers.

Nicht: «Was soll weg?» Son­dern: Wie möcht­est du dich fühlen?

Mir gegenüber sass Simone. Diese Geschichte beruht auf ein­er realen Begeg­nung. Name und per­sön­liche Details wur­den zum Schutz der Pri­vat­sphäre verän­dert.

Sie über­legte nicht lange. «Frei. Sich­er. Mutig. Selb­st­be­wusst meinen Weg gehen.»

Ich schrieb es in den gold­e­nen Rah­men. Frei. Sich­er. Mutig. Selb­st­be­wusst meinen Weg gehen. «Genau das», sagte sie. «Das will ich.»

 

Und dann erzählte sie mir von ihrem Leben

Simone arbeit­ete für die Kirche. Ihr Vater war Pfar­rer. Eigentlich machte ihr die Arbeit sog­ar Spass. Aber ihr Herz? Das schlug schon lange für Kun­st und Design. Es gab da diese Stelle in einem Kun­sthaus. Sie liebäugelte seit Ewigkeit­en damit. Bewor­ben hat­te sie sich nie. «Mein Vater wäre wahnsin­nig ent­täuscht, wenn ich der Kirche den Rück­en zukehre.»

Wir rede­ten weit­er.

Ihre Mut­ter brauchte viel Unter­stützung. Fast täglich war Simone bei ihr. Der Vater schaffte es nicht mehr allein. «Ich habe übri­gens auch noch eine Schwest­er und einen Brud­er», sagte sie und ver­drehte leicht die Augen. Man ver­stand den Satz auch ohne weit­ere Erk­lärung.

Und dann war da ihr Part­ner. Den liebte sie. Sehr. Heirat­en wollte sie ihn auch. Eigentlich. Nur ihre Fam­i­lie war gegen diese Beziehung. Seine Fam­i­lie sei zu reich. Zu ver­snobt. Zu einge­bildet. Die Geschwis­ter schlossen sich der Mei­n­ung der Eltern an. Dabei, erzählte Simone, sei ihr Fre­und unglaublich liebevoll. Er unter­stütze sie, wenn sie sich um ihre Mut­ter küm­mere. Er sei zuver­läs­sig. Grosszügig. Für sie da. Und er fuhr einen Porsche. «Mit dem darf er aber nicht vor dem Haus mein­er Eltern parkieren.»

Ich schaute sie an. «Würdest du gerne damit hin­fahren?» Sie lachte. «Ja klar. Ich liebe dieses Auto. Er auch.» Kurze Pause. Dann ver­drehte sie wieder die Augen. «Aber mein Vater hätte wahrschein­lich einen Infarkt.»

Ich schaute Simone an. Und sagte: «Du wirst nie die Per­son, die du sein willst, wenn du nicht für dich ein­ste­hen kannst.»

Stille. Nicht unan­genehm. Aber deut­lich. Dieser Satz sass.

 

Kennst du eine selbstbestimmte Persönlichkeit, die nicht Nein sagen kann?

Ich nicht. Denn genau darum geht es. Nicht darum, plöt­zlich über­all Nein zu sagen. Nicht darum, hart zu wer­den. Nicht darum, dich gegen alle zu stellen. Son­dern darum, dass deine eigene Stimme in deinem Leben über­haupt vorkommt.

Simone wusste längst, was sie wollte. Das Prob­lem war nicht fehlende Klarheit. Sie wollte Kun­st. Sie wollte ihren Part­ner. Sie wollte heirat­en. Sie wollte ihre Fam­i­lie lieben, ohne ihr gesamtes Leben nach deren Vorstel­lun­gen auszuricht­en.

Sie wusste es. Nur zwis­chen Wis­sen und Leben lagen ein paar ziem­lich grosse Neins.

«Ich gebe dir noch Bescheid» Vielle­icht kennst du diesen Satz. Oder:
«Ich weiss es noch nicht.»
«Ich über­lege es mir.»
«Ich melde mich.»

Und manch­mal ist das wirk­lich so. Du brauchst Zeit. Du willst darüber schlafen. Völ­lig in Ord­nung.

Aber ich erlebe erstaunlich oft: Dieses «Ich weiss es noch nicht» ist längst ein Nein. Es traut sich nur noch nicht, eines zu sein. Und ein paar Tage später sagst du doch Ja. Zur Ein­ladung. Zur zusät­zlichen Auf­gabe. Zum Ter­min. Zur Bitte. Und schon während du Ja sagst, merkst du: Mist.

 

Jedes falsche Ja hat einen Preis

Nicht jedes Ja, obwohl du lieber auf dem Sofa geblieben wärst, ist eine Iden­tität­skrise. Manch­mal hil­ft man jeman­dem. Manch­mal macht man etwas für einen Men­schen, den man liebt. Manch­mal übern­immt man eine Auf­gabe, obwohl man ger­ade keine Luft­sprünge macht.

Das gehört zum Leben. Aber wenn du immer wieder Ja sagst, während in dir ein klares Nein ste­ht, passiert etwas anderes. Du übergehst dich. Ein­mal. Noch ein­mal. Und noch ein­mal. Und irgend­wann wird es schwierig, dich gle­ichzeit­ig wirk­lich ernst zu nehmen.
Denn wenn alle anderen in deinem Leben mitentschei­den dür­fen – nur du selb­st nicht – hin­ter­lässt das Spuren.

 

Warum ist dieses kleine Wort so schwierig?

Nein. Vier Buch­staben. Eigentlich über­schaubar. Und trotz­dem kann sich ein Nein anfühlen, als würdest du ger­ade eine inter­na­tionale Krise aus­lösen. Warum? Weil ein Nein manch­mal nicht nur bedeutet: «Das möchte ich nicht.»

Son­dern inner­lich vielle­icht:
«Dann ent­täusche ich jeman­den.»
«Dann ist jemand sauer.»
«Dann hält man mich für ego­is­tisch.»
«Dann werde ich nicht mehr gemocht.»
«Dann gehöre ich vielle­icht nicht mehr dazu.»

Vielle­icht hast du früh gel­ernt, dass Har­monie sicher­er ist als Klarheit. Dass die Bedürfnisse ander­er zuerst kom­men. Dass eine liebe Tochter hil­ft. Dass eine gute Part­ner­in Ver­ständ­nis hat. Dass eine ver­lässliche Mitar­bei­t­erin noch schnell übern­immt. Dass man nie­man­den ent­täuscht.

Und irgend­wann bist du fan­tastisch darin, für alle da zu sein. Nur eine Per­son wartet immer noch. Du.

 

Dein Garten

Mach etwas ganz Ein­fach­es. Streck deine Arme vor dich. Beuge sie leicht. Stell dir vor, das sei dein Garten. Nicht riesig. Aber dein­er. Du entschei­dest, wer hinein darf. Wie lange. Wie weit. Und was in diesem Garten nichts ver­loren hat. Eigentlich ganz logisch.

Zwis­chen Län­dern gibt es Gren­zen. Zwis­chen Grund­stück­en. Sog­ar mein Nach­bar weiss ziem­lich genau, wo sein Rasen aufhört und mein­er begin­nt. Nur bei uns selb­st wird es manch­mal erstaunlich kom­pliziert. Wir öff­nen das Gar­ten­tor, während in uns alles sagt: Bitte nicht. Und ärg­ern uns später über den Besuch.

 

Deine Grenze sagt mehr als «Stopp»

Eine Gren­ze sagt: «Das möchte ich.» «Das möchte ich nicht.» «So kannst du mit mir umge­hen.» «So nicht.» Aber sie sagt noch etwas anderes. «Dafür ste­he ich.»

Gren­zen haben deshalb für mich sehr viel mit Werten zu tun. Mit Selb­stach­tung. Mit Selb­stre­spekt. Mit Iden­tität. Wenn du nicht weisst, wo deine Gren­ze liegt, kön­nen andere sie auch nicht respek­tieren.

Und wenn du sie kennst, aber ständig selb­st ver­schieb­st, wird es für alle Beteiligten ziem­lich schwierig.

 

Das Nein ist manchmal noch der einfache Teil

Du hast es geschafft. Du hast Nein gesagt. Klar. Fre­undlich. Fast ein biss­chen stolz. Und dann passiert es. Der andere schaut ent­täuscht.

Wird kühl. Fragt nochmals.
«Aber warum denn nicht?»
«Du hast doch son­st auch immer …»
«Das ver­ste­he ich jet­zt ehrlich gesagt nicht.»

Und plöt­zlich möcht­est du dein schönes, frisch aus­ge­sproch­enes Nein am lieb­sten wieder ein­pack­en. Hier wird es span­nend. Gren­zen set­zen heisst auch auszuhal­ten, dass nicht jed­er deine Gren­ze gut find­et. Eine Gren­ze ist keine Abstim­mung. Du brauchst keine Mehrheit.

Und übri­gens auch keine Pow­er­Point-Präsen­ta­tion mit sieben Folien, warum dein Nein wirk­lich gerecht­fer­tigt ist. Manch­mal reicht: «Nein, das passt für mich nicht.» Punkt.

 

Was mit Simone passierte

Nach unserem Gespräch arbeit­eten wir mit Hyp­nose weit­er. Wir schaut­en dor­thin, wo dieses alte «Ich muss für alle anderen da sein» ent­standen war. Was hat­te Simone gel­ernt? Was wollte ein jün­ger­er Teil von ihr damit erre­ichen?

Was brauchte sie heute noch davon – und was nicht mehr? Und wir stärk­ten genau das, was oben links in meinem gold­e­nen Rah­men stand: Frei. Sich­er. Mutig. Selb­st­be­wusst meinen Weg gehen.

Danach musste Simone nicht die Welt verän­dern. Sie musste nur anfan­gen, in ihrer eige­nen vorzukom­men. Und das tat sie. Sie begann für sich einzuste­hen. Nicht laut. Nicht respek­t­los. Nicht gegen ihre Fam­i­lie. Für sich. Sie entsch­ied sich für ihren beru­flichen Weg. Für ihre Beziehung. Für ihre Hochzeit. Und ja: Alle kamen.

Für die Mut­ter wurde Unter­stützung organ­isiert – nicht nur für den Hochzeit­stag, son­dern dauer­haft.

Mit dem Vater gab es zunächst eine küh­lere Zeit. Auch Funkstille. Gren­zen haben nicht immer sofort Kon­fet­ti zur Folge. Aber irgend­wann meldete er sich wieder. Und später besuchte er seine Tochter sog­ar an ihrem neuen Arbeit­splatz.

Nicht alles zer­brach. Aber vieles musste sich neu sortieren. Und Simone? Sie lebte plöt­zlich nicht mehr nur davon, wer sie für andere sein sollte.

 

FÜR DICH. JETZT.

Denk an etwas, bei dem du ger­ade sagst: «Ich weiss noch nicht.»

Eine Ein­ladung. Eine Bitte. Eine Auf­gabe. Einen Ter­min. Eine Erwartung. Und dann frag dich:

Wenn ich nie­man­den ent­täuschen kön­nte – was wäre meine Antwort?

Nicht die höflich­ste. Nicht die vernün­ftig­ste. Nicht die Antwort, mit der alle anderen am glück­lich­sten wären.

Deine.

Wenn sie Nein lautet, pro­bier diesen Satz: «Nein, das passt für mich nicht.»

Kein Roman. Kein «weil» mit acht Neben­sätzen. Keine Vertei­di­gungsrede.

Nur ein ehrlich­es Nein.

Und dann kommt vielle­icht der schwierigere Teil: Halte es einen Moment aus.

Das schlechte Gewis­sen. Die Irri­ta­tion. Die ent­täuschte Reak­tion.

Ein schlecht­es Gewis­sen ist näm­lich noch kein Beweis dafür, dass du etwas Falsches getan hast.

Manch­mal ist es nur ein Zeichen dafür, dass du etwas Neues tust.

 

Zurück zum goldenen Rahmen

Simones Wun­sch stand während unseres ganzen Gesprächs oben links auf meinem Blatt. Frei. Sich­er. Mutig. Selb­st­be­wusst meinen Weg gehen. Eigentlich wusste sie längst, wohin sie wollte. Sie musste nur aufhören, alle anderen über ihre Route abstim­men zu lassen.

Und vielle­icht ist es bei dir gar nicht so anders. Vielle­icht weisst du längst, was du möcht­est. Vielle­icht fehlt dir nicht die Antwort. Vielle­icht fehlt dir nur noch der Mut, sie auszus­prechen.

Du wirst nie die Per­son, die du sein willst, wenn du nicht für dich ein­ste­hen kannst.

Ja. Der Satz ist direkt. UNGESCHMINKT eben.

Aber vielle­icht brauchst du heute genau ihn. Denn dein Nein ist nicht automa­tisch ein Ver­lust. Manch­mal ist es der Moment, in dem du dich selb­st wieder mit an den Tisch holst.

Wenn du spürst, dass es Zeit ist, nicht länger bei jed­er wichti­gen Entschei­dung an dir selb­st vor­beizuge­hen – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

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