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Du wurdest nicht gesehen. Du wurdest benutzt, um gesehen zu werden
Warum du zuerst auf ein Podest gestellt wirst – und irgendwann beginnst, dir selbst nicht mehr zu glauben.
Bevor wir beginnen, etwas Wichtiges: Nicht jeder egoistische, schwierige oder manipulative Mensch hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Und dieser Blog, Narzissmus erkennen, stellt niemandem eine Diagnose. Mich interessiert etwas anderes. Was passiert mit dir in einer Beziehung, in der du dich zuerst aussergewöhnlich gross fühlst – und später immer kleiner?
Dafür erzähle ich dir von Manuel.
Am Anfang war da dieses Gefühl: Wow
Manuel war jung, ehrgeizig und talentiert. Er bekam die Möglichkeit, mit einem Mann zusammenzuarbeiten, der in seiner Branche längst einen grossen Namen hatte. Schon beim ersten gemeinsamen Projekt kam die Anerkennung. Viel Anerkennung.
«So etwas habe ich lange nicht gesehen.»
«Du hast etwas Besonderes.»
«Mit dir können wir richtig gross werden.»
Natürlich tat das gut. Wer freut sich nicht, wenn ein Mensch, zu dem man aufschaut, etwas Grosses in einem erkennt? Manuel fühlte sich gesehen. Richtig gesehen.
Und dann kam die Nähe
Aus der beruflichen Zusammenarbeit wurde schnell mehr. Lange Gespräche. Persönliche Geschichten. Vertrauen. Der Mann erzählte Manuel von seinen Sorgen, seinen Ängsten, seinen Konflikten. Fragte ihn um Rat. Wollte seine Einschätzung. Irgendwann entstand dieses Gefühl: Wir haben etwas Besonderes. Nicht nur beruflich. Menschlich. Fast freundschaftlich. Bis zum ersten Nein.
Die erste Grenze
Der Mann wollte Informationen von Manuel, die aus einer früheren beruflichen Verbindung stammten. Manuel wollte sie nicht weitergeben. Für ihn war das eine Frage der Loyalität. Also sagte er Nein. Ruhig. Ohne Drama.
Sein Gegenüber reagierte sinngemäss: Loyalität sei grundsätzlich richtig. Man müsse nur wissen, wem gegenüber. Der Satz blieb hängen. Zum ersten Mal war da dieses kleine Gefühl: Etwas stimmt nicht. Manuel gab die Informationen trotzdem nicht weiter. Und genau damit begann etwas Wichtiges: Er hatte eine Grenze.
Und dann wurde Manuel sichtbar
Das gemeinsame Projekt entwickelte sich hervorragend. Plötzlich interessierten sich Menschen für Manuel. Nicht nur für den bekannten Mann neben ihm. Für ihn. Seine Arbeit. Seine Ideen. Seine Persönlichkeit. Er wurde eingeladen. Bekam Anerkennung. Menschen wollten ihn hören. Und irgendwann stand Manuel vor einem vollen Raum und begriff: Die sind wegen mir hier.
Eigentlich ein wunderschöner Moment. Doch gleichzeitig veränderte sich etwas. Das Lob seines Mentors wurde seltener. Die Begeisterung kühler. Die Nähe unzuverlässiger. Aus: «Du bist aussergewöhnlich.» wurde langsam: «So aussergewöhnlich ist das nun auch wieder nicht.»
Und Manuel begann den Fehler bei sich zu suchen. War ich undankbar? Habe ich mich verändert? Bin ich zu selbstbewusst geworden? Hätte ich mich kleiner machen sollen?
Das Podest
Stell dir vor, jemand stellt dich auf ein Podest. Sehr hoch. Du wirst bewundert. Gefördert. Gesehen. Und irgendwann glaubst du: Hier oben bin ich sicher.
Das Problem ist: Du hast dieses Podest nicht selbst gebaut. Und damit liegt auch die Kontrolle darüber nicht bei dir. Plötzlich kämpfst du vielleicht nicht mehr darum, weiterzukommen. Du kämpfst darum, wieder dorthin zurückzukehren, wo du am Anfang warst. Gesehen. Gewollt. Besonders.
Und genau hier beginnt die Zerreissprobe
Dann kam eine weitere Situation. Diesmal ging es darum, etwas anders darzustellen, als Manuel es selbst für richtig hielt. Sein Gefühl war klar: Nein. Aber dieses Nein war nicht leicht. Denn inzwischen gab es etwas zu verlieren. Die Zusammenarbeit. Die Möglichkeiten. Die Nähe. Die Türen, die sich geöffnet hatten.
Vielleicht sogar die Zukunft, die Manuel gerade vor sich sah. Und plötzlich lag er nachts wach. Nicht, weil er nicht wusste, was richtig war. Das wusste er. Sondern weil eine andere Frage viel lauter geworden war: Was passiert, wenn ich bei mir bleibe? Was, wenn ich dann alles verliere? Was, wenn dieser Mensch gegen mich arbeitet?
Manuel dachte sogar darüber nach, nachzugeben. Nicht weil es sich plötzlich richtig anfühlte. Sondern weil das andere so schön gewesen war. Und weil er Angst hatte, es zu verlieren.
Manchmal fehlt dir nicht die Klarheit. Manchmal fehlt dir die Sicherheit, dass du die Konsequenzen deiner Klarheit aushältst.
Nicht jede intensive Nähe ist sichere Nähe
Etwas kann sich unglaublich nah anfühlen – und trotzdem nicht sicher sein.
Du kannst bewundert werden und gleichzeitig beginnen, vorsichtig zu werden. Du kannst viel Anerkennung bekommen und trotzdem Angst davor haben, zu widersprechen. Du kannst jemandem nahestehen und anfangen, jedes Wort abzuwägen. Gerade deshalb können solche Beziehungen so verwirrend sein.
Es war nicht nur dunkel. Da war auch Licht. Sehr viel. Und vielleicht vermisst du irgendwann gar nicht mehr nur den Menschen. Sondern die Version von dir, die du in seinen Augen am Anfang sein durftest.
Dann hoffst du. Vielleicht wird es wieder so. Vielleicht muss ich nur etwas anders machen. Ruhiger sein. Verständnisvoller. Weniger kritisch. Noch einmal erklären.
Verwirrung ist auch eine Information
Du brauchst nicht sofort zu wissen, wie du eine Beziehung einordnen sollst. Keine Diagnose. Kein Etikett. Aber wenn du nach Gesprächen regelmässig verwirrter bist als vorher, darfst du das ernst nehmen. Wenn du immer häufiger an deiner Wahrnehmung zweifelst, darfst du das ernst nehmen. Wenn du dich nicht mehr traust, eine Grenze zu setzen, weil du Angst vor der Reaktion hast, darfst du das ernst nehmen. Und wenn du merkst, dass du immer weniger du selbst wirst: Bitte nimm auch das ernst.
Und nein – sie tragen nicht immer Hosen
Bei Narzissmus haben viele Menschen sofort ein bestimmtes Bild im Kopf. Laut. Dominant. Überlegen. Männlich.
So einfach ist es nicht. Auch Frauen können manipulative, kontrollierende oder stark selbstbezogene Beziehungsmuster leben. Und Kontrolle muss nicht laut sein. Sie kann sich auch zeigen durch Nähe, Rückzug, Schweigen, Schuldgefühle oder einen Satz, nach dem du plötzlich wieder bei dir den Fehler suchst.
Vielleicht ist deshalb eine andere Frage wichtiger als: «Ist dieser Mensch ein Narzisst?»
Nämlich: «Was passiert mit mir, wenn ich mit diesem Menschen zusammen bin?»
Du musst ihn nicht verstehen
Vielleicht hast du schon Stunden damit verbracht. Warum macht er das? Warum sagt sie so etwas? Warum gestern Nähe und heute Kälte? Warum erst Bewunderung und dann Abwertung? Irgendwann darf eine andere Frage wichtiger werden. Nicht: Warum ist der andere so?
Sondern: Warum glaube ich meiner eigenen Wahrnehmung immer weniger? Du musst einen anderen Menschen nicht bis ins letzte Detail verstehen, bevor du dich schützen darfst. Du brauchst keine gerichtsfeste Beweisführung dafür, dass dir etwas nicht guttut. Deine Wahrnehmung braucht keine Erlaubnis.
FÜR DICH. JETZT.
Denk an eine Beziehung oder Verbindung, bei der du dich immer wieder fragst: «Bilde ich mir das ein?»
Nimm ein Blatt Papier.
Und schreib nicht auf, was du glaubst, was der andere gemeint haben könnte. Keine Interpretation. Keine Entschuldigung.
Nur: Was ist tatsächlich passiert?
Was wurde gesagt?
Was wurde getan?
Wie hast du dich vorher gefühlt?
Wie fühlst du dich danach?Und dann eine einzige Frage: Werde ich in dieser Beziehung mehr ich – oder immer weniger?
Lass die Antwort stehen.
Du musst heute noch nichts entscheiden.
Aber glaub dir für diesen Moment.
Grenzen zeigen manchmal mehr als Nähe
Vielleicht erkennst du eine Beziehung nicht daran, wie schön sie ist, solange du mitgehst. Vielleicht erkennst du sie daran, was passiert, wenn du beginnst, Nein zu sagen. Wenn du anderer Meinung bist. Wenn du deinen eigenen Erfolg feierst. Wenn du sichtbar wirst. Denn Grenzen zeigen nicht nur, wer du bist. Sie zeigen manchmal auch, welche Beziehungen dich nur mochten, solange du keine hattest.
Das ist unbequem.
Manuel brauchte keine Diagnose
Irgendwann hörte Manuel auf, die andere Person vollständig verstehen zu wollen. Er wusste nur: Ich habe Angst, meine Meinung zu sagen. Ich verliere mich in Rechtfertigungen. Ich zweifle nach Gesprächen an Dingen, die vorher für mich klar waren. Ich überlege, gegen meine Werte zu handeln, damit die Beziehung wieder gut wird. Das reichte.
Nicht für eine Diagnose. Aber für eine Entscheidung. Manuel begann wieder, sich selbst zu glauben. Und vielleicht liegt genau dort der wichtigste Schutz: Nicht darin, jeden manipulativen Menschen sofort zu erkennen. Sondern darin, dich selbst so gut zu kennen, dass du irgendwann bemerkst: Hier werde ich immer weniger ich.
Und dann darfst du handeln.
Auch wenn du noch Gefühle hast.
Auch wenn es einmal wunderschön war.
Auch wenn du nicht weisst, was danach kommt.
Du musst den anderen nicht verstehen. Du musst dich verstehen. Wenn du merkst, dass eine Beziehung dich immer weiter von dir entfernt und du deine eigene Wahrnehmung wieder ernst nehmen möchtest – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria