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4 min.
Veröffentlicht 30. Juni 2026

Trichotillomanie verstehen – Ursachen, Zwang und was helfen kann

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Eva-Maria Janutin

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#5

Du ziehst an den Haaren. Du ziehst an etwas in dir

Du willst aufhören. Aber etwas in dir macht weit­er.

 

Vielle­icht sitzt du ein­fach da. Im Auto. Auf dem Sofa. Im Bett. Und plöt­zlich merkst du: Deine Hand ist schon da. Ein Haar zwis­chen den Fin­gern. Ein leicht­es Ziehen. Du willst es nicht. Und gle­ichzeit­ig kannst du kaum aufhören.

Ein Gedanke sagt: «Lass das.»

Und etwas in dir antwortet: «Noch dieses eine.» Dann noch eines. Und noch eines. Bis es für einen Moment ruhiger wird. Danach der Blick in den Spiegel. Oder das schnelle Ver­schieben der Haare, damit diese eine Stelle nicht auf­fällt.

 

Wenn Haareziehen zum Ventil wird

Manch­mal kündigt sich der Drang an. Mit Druck. Unruhe. Anspan­nung. Manch­mal ist die Hand aber auch schon unter­wegs, bevor du über­haupt bewusst merkst, was du tust. Du ziehst. Und für einen kurzen Moment verän­dert sich etwas.

Vielle­icht wird es ruhiger. Vielle­icht lässt Span­nung nach. Vielle­icht ist da ein­fach dieses befriedi­gende Gefühl, genau dieses eine Haar erwis­cht zu haben.

Und obwohl dein Kopf längst weiss: «Ich will das nicht.» macht die Hand weit­er.

Das ist etwas anderes als gele­gentlich an den Haaren zu drehen oder beim Nach­denken eine Strähne zwis­chen den Fin­gern zu haben.

 

Ich schaue nicht nur auf die Haare

Du denkst vielle­icht: «Ich habe ein Prob­lem mit meinen Haaren.» Ich schaue etwas anders darauf. Die Haare sind das Sicht­bare. Mich inter­essiert:

Was passiert unmit­tel­bar davor? Druck? Unruhe? Langeweile? Anspan­nung? Ein bes­timmter Gedanke? Oder passiert es fast automa­tisch, ohne dass du vorher etwas Beson­deres wahrn­immst? Und danach? Was ist für diesen kurzen Moment anders?

Und dann gibt es noch eine andere Frage: Was liegt unter all dem Offen­sichtlichen?

 

Was kaum jemand sieht

Fast alle Betrof­fe­nen, die zu mir kom­men, wollen eines: Aufhören. Nicht mor­gen. Jet­zt. Sofort. Und wenn es wieder passiert, kommt häu­fig noch etwas dazu: Scham.

Was denken die anderen?
Sieht man die Stelle?
Fällt es auf?

Viele wer­den unglaublich erfind­erisch. Mütze. Tuch. Eine Frisur, die exakt diese Stelle verdeckt. Manche mei­den den Coif­feur. Andere Nähe. Nicht weil sie keine Men­schen mögen. Son­dern weil jemand zu genau hin­schauen kön­nte. Und dann kommt irgend­wann der Satz: «Reiss dich doch ein­fach zusam­men.» Vielle­icht sog­ar von dir selb­st. Als würde es an Diszi­plin fehlen. Tut es nicht. Tri­chotil­lo­manie ist keine Charak­ter­schwäche. Und du bist damit nicht allein. Auch wenn es sich manch­mal genau so anfühlt.

 

Meine erste Klientin mit Trichotillomanie

2017 rief mich eine Frau an und fragte: «Haben Sie Erfahrung mit Tri­chotil­lo­manie?» Ich musste kurz über­legen. Dann sagte ich: «Nein.»

Hat­te ich nicht. Das kon­nte ich ihr auch nicht schönre­den. Also arbeit­eten wir gemein­sam. Nicht nur am sicht­baren Ver­hal­ten. Mich inter­essierte vor allem der Men­sch dahin­ter.

Diese Frau ist mir bis heute geblieben. Still. Behar­rlich. Und mit einem Satz, an den ich mich noch immer erin­nere: «Ich mache das nicht bewusst. Vielle­icht im Schlaf. Ich sehe ein­fach mor­gens die Haare auf meinem Kissen.»

Wir ver­standen uns gut und arbeit­eten gut zusam­men. Und ich war unglaublich stolz darauf, was sie für sich erre­ichte. Seit dieser Begeg­nung hat mich das The­ma Tri­chotil­lo­manie nicht mehr los­ge­lassen. Heute kom­men Men­schen mit Tri­chotil­lo­manie aus unter­schiedlichen Regio­nen der Schweiz zu mir. Nicht weil ich glaube, für alle dieselbe Antwort zu haben. Im Gegen­teil. Ger­ade auch bei Tri­chotil­lo­manie inter­essiert mich, welche Antwort jed­er Men­sch braucht.

 

«Hör einfach auf» ist selten besonders hilfreich

Viele Betrof­fene ver­suchen zuerst, das Ziehen mit Kon­trolle zu stop­pen. Hände weg. Nicht anfassen. Reiss dich zusam­men. Jet­zt aber wirk­lich.

Nur: Wenn das Ziehen ger­ade dabei hil­ft, Span­nung zu reg­ulieren, macht zusät­zlich­er Druck die Sit­u­a­tion nicht unbe­d­ingt leichter.

Deshalb inter­essiert mich nicht nur die Hand. Mich inter­essiert auch das Darunter. Stress. Anspan­nung. Emo­tio­nen. Alte Erfahrun­gen. Sit­u­a­tio­nen, in denen du dich immer wieder selb­st übergehst.

Bei manchen Men­schen hängt der innere Druck auch mit Gren­zen zusam­men – mit einem Nein, das nach aussen kaum hör­bar ist, innen aber längst existiert. Darüber schreibe ich auch in meinem Blog «Gren­zen set­zen». Ich behaupte nicht, dass hin­ter jedem Haareziehen das­selbe steckt. Das wäre viel zu ein­fach. Aber eine Frage begleit­et mich: Wofür ist das Ziehen ger­ade die Lösung?

 

FÜR DICH. JETZT.

Wenn deine Hand das näch­ste Mal Rich­tung Haar geht:

Stopp für drei Sekun­den. Nicht kämpfen.

Frag dich nur: Was ist ger­ade in mir?

Druck?
Unruhe?
Langeweile?
Anspan­nung?

Dann drück deine Hände fest gegeneinan­der.

Spür den Druck.
Lass wieder los.
Und frag dich:

Was brauche ich ger­ade?

Mehr nicht.

 

Was sichtbar ist, ist nicht immer alles

In mein­er Arbeit mit Hyp­nose und Hyp­nosether­a­pie in Cham inter­essiert mich nicht nur das Haareziehen. Mich inter­essiert der Men­sch, dessen Hand immer wieder dor­thin geht. Tri­chotil­lo­manie kann sehr unter­schiedlich ausse­hen. Bei manchen Men­schen ist das Ziehen bewusst und mit deut­lich­er Span­nung ver­bun­den. Bei anderen geschieht es fast neben­bei. Und bei manchen wech­seln sich bei­de For­men ab. Genau deshalb mag ich keine schnellen Antworten. Keine Sch­ablone. Kein: «Das kommt immer von …»

Men­schen funk­tion­ieren nicht so. Zum Glück. Deine Haare sind sicht­bar. Das, was dahin­ter wirkt, ist es oft nicht. Genau dort schaue ich hin. Nicht um dir zu erk­lären, wer du bist. Son­dern um gemein­sam her­auszufind­en, was für dich stimmt. Vielle­icht hast du bish­er unglaublich viel Kraft darauf ver­wen­det, deine Hand zu kon­trol­lieren. Dann darf­st du vielle­icht ein­mal eine andere Frage aus­pro­bieren: Was, wenn nicht deine Hand zuerst ver­standen wer­den muss – son­dern du?

Wenn du diesen Weg nicht allein anschauen möcht­est – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

 

Tri­chotil­lo­manie – auch Hair-Pulling Dis­or­der genan­nt – beze­ich­net wieder­holtes Haareaus­reis­sen, das sich für Betrof­fene schw­er kon­trol­lieren lässt. Häu­fig kön­nen dabei Drang oder Anspan­nung auftreten; das Ziehen kann vorüberge­hend Erle­ichterung ver­schaf­fen.

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