#12
Mein Darm wohnt in einem Mehrfamilienhaus
Es gibt Beschwerden, die sieht man einem Menschen nicht an.
Du sitzt mit jemandem beim Kaffee. Sie lacht. Sie erzählt. Vielleicht denkst du: Der geht es gut.
Was du nicht siehst: Sie hat längst geschaut, wo die nächste Toilette ist. Sie weiss, wie lange die Heimfahrt dauert. Ob unterwegs eine Tankstelle kommt. Ob das Restaurant eine Toilette hat. Ob sie im Zug besser vorne oder hinten einsteigt.
Und vielleicht hat sie heute Morgen bereits dreimal überlegt, ob sie überhaupt aus dem Haus gehen soll. Reizdarm kann den Alltag sehr klein machen. Nicht unbedingt laut. Aber gründlich.
«Stell dir vor, mein Reizdarm ist ein Mehrfamilienhaus.»
So hat es mir einmal eine Klientin erklärt. Ich kannte Reizdarm nicht aus eigener Erfahrung. Natürlich wusste ich, was Durchfall, Verstopfung oder Bauchschmerzen sind. Aber ich wusste nicht, wie es sich anfühlt, wenn all das zum ständigen Begleiter wird.
Meine Klientin konnte unglaublich bildhaft erzählen.
«Stell dir vor, mein Reizdarm ist ein Mehrfamilienhaus.»
Ich war sofort dabei.
«Wir beginnen ganz oben. Attikawohnung.»
Dort sei es heiss. Unangenehm. Schmerzhaft. Egal, ob sie liege, sitze oder stehe. Ihr Bauch fühle sich an, als hätte sich darin ein Ballon verirrt, der langsam aufgeblasen werde. Nur fliege man damit leider nicht davon. Es werde einfach immer unangenehmer.
«Gehen wir einen Stock tiefer.»
Hier, sagte sie, höre man den Fluss am besten.
Ich musste schmunzeln.
Sie auch. Denn mit Fluss meinte sie nicht den Bach vor dem Haus.
In dieser Wohnung sei sie praktisch ans Badezimmer gebunden. Kaum glaube sie, es sei vorbei, könne sie schon wieder zurückrennen. Wenn sie dort lande, bleibe sie manchmal zwei oder drei Tage zu Hause. Egal, ob der Kühlschrank voll sei. «Ich habe mir auch schon Pizza bestellt.»
Ich konnte mir dieses Stockwerk inzwischen ziemlich gut vorstellen.
Dann gingen wir einen Stock tiefer.
Hier passiere – nichts. Fast nichts. Der Bauch schmerze zwar und sei steinhart.
«Kennst du den Wolf und die sieben Geisslein?»
Natürlich.
«So. Als hätte ich die Steine im Bauch.» Auch diese Wohnung mochte sie nicht. Aber sie war sicher. Sie konnte einkaufen. Ins Kino. Freunde besuchen. Der Bauch tat weh, aber er überraschte sie nicht. War absehbar.
Und dann kamen wir ins Erdgeschoss.
«Hier bin ich am liebsten. Ich mag es, wenn ich geerdet bin.» Fester Boden unter den Füssen. Normalität. Nur leider bleibe es nicht immer so. Manchmal gleiche das Erdgeschoss einer Lichtshow: Kaum habe sie begriffen, was gerade los sei, wechsle schon wieder alles. Schmerz. Durchfall. Verstopfung. Fast gleichzeitig.
«Verstehst du, was ich meine?»
Ja.
Plötzlich verstand ich sehr viel mehr. Nicht medizinisch. Menschlich.
Wenn dir jemand sein Inneres so erklärt, kannst du mitgehen
Ich mag Bilder.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie etwas schaffen, das Fachbegriffe manchmal nicht schaffen:
Nähe.
Wenn ich etwas nicht selbst erlebt habe und mir jemand sein Erleben so beschreibt, kann ich besser eintauchen. Nicht so, als würde ich behaupten zu wissen, wie es sich anfühlt. Aber genug, um zuzuhören. Genug, um neugierig zu werden. Genug, um nicht nur das Wort «Reizdarm» oder Reizdarmsyndrom zu sehen.
Sondern den Menschen dahinter.
Und dann erinnerte ich mich an meine Mutter
Bei meiner ersten Klientin mit Reizdarm kam mir plötzlich meine Mutter in den Sinn.
Sie hatte keine Reizdarm-Diagnose. Sie hatte eine Reizblase. Aber ich erinnerte mich sehr genau daran, wie ihr Körper ihren Radius immer kleiner gemacht hatte. Zugfahren wurde schwierig. Einkaufen auch. Sie ging kaum mehr weg. Später kam sie in eine Klinik. Und dort tat eine junge Ärztin etwas, das mich damals tief beeindruckte: Sie schaute nicht nur auf die Blase.
Sie holte unsere Familie zusammen.
Wir sprachen über Belastungen. Über Schuld. Über Dinge, die lange keinen Raum gehabt hatten.
Ich war damals noch weit entfernt von meiner heutigen Arbeit.
Aber offenbar blieb etwas davon hängen.
Denn Jahre später, mit meiner ersten Reizdarm-Klientin vor mir, dachte ich:
Was, wenn wir Darm und Hirn einmal nicht getrennt behandeln?
Was, wenn wir sie miteinander reden lassen?
Das war der Moment, in dem ich meinen damals noch ziemlich sicheren therapeutischen Hafen verliess.
Sehr geehrtes Hirn, sehr geehrter Darm …
Wir gingen in Hypnose.
Und irgendwann schlug ich vor: Wir machen einen Vertrag. Hirn und Darm sollten miteinander verhandeln.
Meine Klientin war rechtlich versiert. Das sollte sich noch als ausgesprochen unterhaltsam erweisen. Denn meine Amtssprache war offenbar nicht immer ganz sattelfest.
Sie war in Hypnose und korrigierte mich zwischendurch. Wir lachten. Dann verhandelten wir weiter. Das Hirn zeigte sich ausgesprochen hartnäckig. Es wollte lange nicht einlenken.
Der Darm hatte ebenfalls klare Vorstellungen. Ich dachte irgendwann tatsächlich: Das läuft auf einen Vergleich hinaus. Aber wir blieben dran. Noch eine Bedingung. Noch eine Formulierung. Noch einmal nachfragen. Ist das für beide Seiten akzeptabel? Nein. Also weiter.
Bis irgendwann ein Vertrag zustande kam, den beide unterschreiben konnten. Symbolisch natürlich.
Aber für meine Klientin war dieser innere Prozess sehr real. Und für mich war es eine dieser Sitzungen, nach denen ich dachte:
Okay. Offenbar darf Hypnose manchmal auch ziemlich viel Humor haben.
Der Darm ist nicht dein Gegner
Bei Reizdarm entsteht leicht ein Kampf. Der Bauch meldet sich. Du wirst nervös. Du denkst: Bitte nicht jetzt. Der Körper reagiert. Du wirst noch nervöser. Und irgendwann kontrollierst du nicht mehr nur deinen Bauch.
Du kontrollierst Wege. Termine. Essen. Toiletten. Ausgänge. Entfernungen.
Vielleicht sogar dein ganzes Leben. Deshalb interessiert mich in meiner Arbeit nicht nur: Wie bekommen wir das Symptom weg?
Mich interessiert: Was passiert in deinem System?
Was verstärkt? Was beruhigt? Was wurde irgendwann gelernt?
Welche Situationen bringen dein System in Alarm? Und was könnte heute anders werden?
Dabei ist mir eines wichtig: Reizdarm-Beschwerden gehören medizinisch abgeklärt. Hypnose ersetzt keine ärztliche Diagnostik.
Meine Arbeit beginnt dort, wo organische Ursachen abgeklärt sind und trotzdem Beschwerden bleiben, die das Leben einschränken.
Erfahre gerne mehr auf meiner «Reizdarm-Seite.»
Nicht jedes Bauchgefühl ist ein Gefühl
Und nicht jedes Symptom hat eine grosse psychologische Geschichte dahinter.
Manchmal ist ein Bauch einfach ein Bauch. Manchmal reagiert er auf Essen, Schlaf, Stress, Hormone, Belastung oder viele Dinge gleichzeitig.
Ich halte wenig davon, einem Menschen vorschnell zu erklären: «Dein Darm sagt dir dies oder jenes.» Woher sollte ich das wissen?
Ich kann zuhören. Fragen. Beobachten.
Und gemeinsam mit dem Menschen herausfinden, was für ihn stimmt.
Das ist ein grosser Unterschied.
FÜR DICH. JETZT.
Wenn dein Bauch sich das nächste Mal meldet, probier für einen Moment etwas anderes.
Nicht sofort: «Oh nein. Nicht schon wieder.»
Sondern: «Okay. Ich habe dich gehört.»
Atme. Spür hin.
Und frag dich: Was brauche ich gerade?
Nicht: Wie bekomme ich das sofort weg?Sondern vielleicht: Brauche ich Ruhe? Sicherheit? Bewegung? Abstand? Eine Pause? Eine Grenze?
Oder tatsächlich einfach eine Toilette?Du musst daraus keine grosse Analyse machen.
Nur einen kleinen Wechsel.Vom Kampf zum Zuhören.
Vielleicht braucht dein Bauch keinen Gegner
Vielleicht auch keinen Übersetzer mit perfektem Vokabular.
Vielleicht reicht fürs Erste jemand, der bereit ist zuzuhören.
Und manchmal braucht es eben einen ziemlich hartnäckigen Dolmetscher, bis Hirn und Darm endlich am selben Verhandlungstisch sitzen.
Meine erste Reizdarm-Klientin hat mir dabei einiges beigebracht.
Unter anderem: Ein guter Vertrag braucht Geduld.
Und gelegentlich jemanden, der die Juristin im Raum ernst nimmt.
Auch unter Hypnose.
Wenn du unter einem Reizdarm leidest und medizinisch abgeklärt ist, dass keine behandlungsbedürftige organische Ursache hinter deinen Beschwerden steht, kann Hypnose eine Möglichkeit sein, Zusammenhänge anders zu betrachten und neue Reaktionen einzuüben.
In meiner Praxis in Cham arbeite ich ursachenorientiert und nehme mir dafür Zeit.
Nicht gegen deinen Körper. Sondern mit ihm.
Gerne hier der Link direkt auf meine «Reizdarm-Seite» oder auf meine Website.