#14
Du bist nicht zu viel. Du nimmst nur viel wahr.
Was Hochsensibilität ist, woran du sie erkennst, was ein Hochsensibel-Test aussagen kann und warum deine Feinfühligkeit keine Schwäche ist
Ein schöner Abend. Und trotzdem ist alles zu viel.
Du kommst von einem Apéro nach Hause. Es war ein schöner Abend. Gute Gespräche, feines Essen, nette Menschen.
Trotzdem sitzt du im Auto. Motor aus. Und bleibst noch fünf Minuten sitzen.
Nicht, weil du müde bist. Sondern weil du voll bist.
Voll mit dem grellen Licht über der Bar. Mit dem Parfum der Frau neben dir. Mit drei Gesprächen gleichzeitig. Und mit der Spannung zwischen zwei Menschen am Tisch, die niemand angesprochen hat. Du hast sie trotzdem gespürt. Den ganzen Abend.
Vielleicht hast du schon oft gehört: «Du bist halt empfindlich.» Oder: «Nimm doch nicht alles so persönlich.»
Vielleicht hast du es irgendwann selbst geglaubt.
Und vielleicht hat das, was du erlebst, einen Namen: Hochsensibilität.
Was ist Hochsensibilität?
Der Begriff geht auf die US-Psychologin Elaine N. Aron zurück. Sie hat das Phänomen ab Mitte der 1990er-Jahre erforscht und 1997 zusammen mit ihrem Mann einen Fragebogen dazu veröffentlicht. In der Wissenschaft heisst es Sensory Processing Sensitivity (SPS), also sinngemäss eine besonders feine Reizverarbeitung. Menschen, die so wahrnehmen, nannte sie Highly Sensitive Person, auf Deutsch: hochsensible Menschen.
Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Je nach Studie trifft es auf etwa 30 Prozent der Menschen zu. Männer und Frauen gleichermassen.
Vereinfacht gesagt: Hochsensible Menschen nehmen Reize aus ihrer Umgebung intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer. Geräusche, Gerüche, Licht, Stimmungen, Zwischentöne. Was für andere Hintergründe bleiben, landet bei ihnen mitten im Raum.
Das ist nicht besser. Nicht schlechter. Aber es ist anders. Und es fühlt sich auch anders an.
Ist Hochsensibilität eine Krankheit?
Nein.
Hochsensibilität ist keine Krankheit, keine Störung und keine Diagnose. In der Persönlichkeitspsychologie wird sie als Merkmal betrachtet, so wie Introversion oder Offenheit. Du kannst also nicht «an» Hochsensibilität leiden, wie man an einer Grippe leidet.
Was du allerdings kannst: unter den Folgen leiden. Unter Reizüberflutung. Unter dem Gefühl, immer etwas mehr Ruhe zu benötigen als alle anderen. Unter dem Eindruck, falsch zu sein.
Und genau da liegt der Punkt. Nicht deine Hochsensibilität ist das Problem. Sondern das, was du über die Jahre daraus gemacht hast. Oder was andere dir darüber erzählt haben.
«Sei nicht so empfindlich.»
«Das bildest du dir ein.»
«Jetzt reiss dich mal zusammen.»
Wer solche Sätze oft genug hört, beginnt irgendwann, sich selbst zu überhören. Und genau das kostet Kraft. Weit mehr als jede laute Party.
Deine Sensibilität muss nicht geheilt werden. Sie will verstanden werden. Von dir zuerst.
Wie äussert sich Hochsensibilität?
Hochsensibilität zeigt sich nicht bei allen gleich. Sie hat viele Facetten. Und doch gibt es Merkmale, die viele Betroffene wiedererkennen:
- Reize kommen stärker an. Das Brummen des Kühlschranks. Das Flackern einer Lampe. Der kratzende Pulloverkragen.
- Gefühle gehen tiefer. Ein Film, ein Lied, ein Satz kann dich noch Tage später beschäftigen.
- Du spürst Stimmungen. Du betrittst einen Raum und weisst, dass etwas nicht stimmt, bevor jemand etwas sagt.
- Du achtest auf Details. Dir fällt auf, was anderen entgeht.
- Deine Intuition ist fein. Oft weisst du etwas, ohne erklären zu können, woher.
- Du brauchst mehr Erholung. Nach einem vollen Tag brauchst du Rückzug. Manchmal auch mehr Schlaf.
- Menschenmengen strengen dich an. Nicht, weil du Menschen nicht magst. Sondern weil sehr viel gleichzeitig auf dich einströmt.
Vielleicht liest du diese Liste und denkst: Das bin ja ich. Vielleicht erkennst du dich auch nur in zwei Punkten wieder. Beides ist in Ordnung.
Was triggert Hochsensible?
Eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Darum ist es im Alltag ja so schwierig.
Ein Grossraumbüro mit offenen Telefongesprächen. Ein Einkaufszentrum am Samstagnachmittag. Ein Familienfest, bei dem alle gleichzeitig reden. Zeitdruck. Unausgesprochene Konflikte. Ungerechtigkeit. Kritik im falschen Ton.
Jeder Reiz für sich ist klein. Aber sie addieren sich. Bei hochsensiblen Menschen liegt die Reizschwelle tiefer, das heisst, das innere Fass ist schneller voll. Und wenn es überläuft, kommt die Reizüberflutung: Gereiztheit, Tränen, Rückzug, Leere. Oder alles zusammen.
Das ist kein Charakterfehler. Das ist Belastung. Und Belastung, die nie abfliessen darf, macht auf Dauer müde. Sehr müde.
Bin ich hochsensibel? Was ein Test leisten kann.
Wahrscheinlich hast du schon nach einem Test für Hochsensibilität gesucht. Vielleicht sogar gratis online einen gemacht.
Die meisten dieser Tests basieren auf dem Fragebogen von Elaine Aron. Im deutschsprachigen Raum wird oft die HSPS-G-Skala verwendet, eine deutsche Fassung mit 26 Aussagen. Mit dem Thema hat sich unter anderem der Psychologe Philipp Yorck Herzberg intensiv beschäftigt.
Solche Fragebögen können dir einen ersten Hinweis geben. Mehr nicht. Ein Testergebnis ist keine Diagnose und kein Urteil über dich. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Wenn du für dich einen ersten Selbstcheck machen möchtest, frag dich ehrlich:
- Brauche ich nach sozialen Anlässen deutlich mehr Erholung als andere?
- Stören mich laute Geräusche, starke Gerüche oder grelles Licht schneller?
- Spüre ich Stimmungen anderer, auch wenn niemand etwas sagt?
- Berühren mich Musik, Kunst oder Natur besonders tief?
- Fühle ich mich unter Zeitdruck schnell überfordert?
- Habe ich als Kind oft gehört, ich sei «zu empfindlich» oder «zu ruhig»?
Wenn du bei vielen Fragen innerlich nickst, weisst du mehr über dich als vorher. Und das ist ein guter Anfang.

Woher kommt Hochsensibilität?
Die Forschung geht davon aus, dass Hochsensibilität zu einem grossen Teil angeboren ist und oft vererbt wird. Es ist also nichts, was du dir «eingefangen» hast. Und nichts, was du dir abtrainieren musst.
Dein Gehirn verarbeitet Sinneseindrücke einfach gründlicher. Es prüft, vergleicht, verknüpft. Das braucht Energie. Und genau deshalb benötigst du auch Pausen.
Was sich im Lauf des Lebens allerdings sehr wohl verändert: wie du mit deiner Sensibilität umgehst. Ob du gelernt hast, sie als Teil von dir zu sehen. Oder ob du gelernt hast, dich für sie zu schämen.
Hochsensibilität bei Kindern
Hochsensibilität zeigt sich oft schon bei Kindern. Das Kind, das beim Kindergeburtstag plötzlich weint und nach Hause will. Das sich über die Etikette im T‑Shirt beschwert. Das jede Veränderung im Gesicht der Mutter wahrnimmt, noch bevor darüber gesprochen wird.
Diese Kinder brauchen vor allem eines: Erwachsene, die sie nicht reparieren wollen. Sondern verstehen.
Viele Erwachsene, die heute zu mir kommen, haben als Kind genau das Gegenteil erlebt. Sie haben gelernt, sich anzupassen, leise zu sein und nicht aufzufallen. Ihre Sensibilität wurde zur Last statt zur Stärke. Daran kann gearbeitet werden. Auch Jahrzehnte später.
Welchen Partner brauchen hochsensible Menschen?
Keinen perfekten. Den gibt es ohnehin nicht.
Aber jemanden, der versteht, dass dein Rückzug nach einem langen Tag nichts mit ihm zu tun hat. Der akzeptiert, dass du nach einem Fest manchmal einfach Stille brauchst. Der mit dir über Gefühle reden kann, ohne dass es gleich ein Drama wird.
Und manchmal jemanden, der etwas robuster ist als du. Der den Lärm der Welt ein bisschen abfedert, während du die feinen Töne hörst.
Das Wichtigste in einer Beziehung ist dabei weniger, wer der andere ist. Sondern ob du deine Bedürfnisse aussprechen kannst. Denn spüren kannst du sie ja. Oft schon lange, bevor du sie zeigst.
Was tut hochsensiblen Menschen gut?
Weniger fühlen ist keine Lösung. Besser für dich sorgen schon.
Ein paar Tipps, die sich im Alltag bewährt haben:
- Plane Pausen ein, bevor du sie brauchst. Nicht erst, wenn das Fass überläuft.
- Gestalte deine Umgebung. Gedämpftes Licht, Kopfhörer, ein ruhiger Platz im Büro. Kleinigkeiten mit grosser Wirkung.
- Darf es auch einmal ein Nein sein? Nicht zu jedem Anlass. Nicht zu jeder Anfrage.
- Geh raus. Natur ist für viele hochsensible Menschen der Ort, an dem es innen wieder leiser wird.
- Nimm deine Wahrnehmung ernst. Sie ist keine Einbildung. Sie ist Information.
Und vielleicht das Wichtigste: Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Deine Batterie lädt anders. Das ist alles.
FÜR DICH. JETZT.
Wenn du das nächste Mal merkst, dass alles zu viel wird, mach eine kleine Bestandesaufnahme.
Schliess kurz die Augen. Oder schau auf einen Punkt.
Frag dich nacheinander:
Was höre ich gerade?
Was rieche ich?
Was sehe ich?
Was spüre ich in meinem Körper?Nicht bewerten. Nur benennen. Das Telefon. Der Kaffee. Das Licht. Die Enge im Bauch.
Und dann frag dich: Was davon gehört eigentlich mir?
Die Gereiztheit deiner Kollegin? Gehört ihr.
Der Lärm vom Gang? Gehört dem Gang.
Die Müdigkeit in deinen Schultern? Die gehört dir. Um die darfst du dich kümmern.Atme drei Mal tief ein und lange aus.
Du musst nicht alles mittragen, was du wahrnimmst.
Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie übernehmen.
Wo meine Arbeit beginnt
Hochsensibilität muss nicht weg. Sie ist ein Teil von dir.
Was sich aber verändern darf, ist das, was sich über die Jahre darübergelegt hat. Das Gefühl, zu viel zu sein. Die alte Scham. Die Gewohnheit, über die eigenen Grenzen zu gehen, bis nichts mehr geht.
In der Hypnose schauen wir genau dorthin. Wo hast du gelernt, dass deine Sensibilität ein Problem ist? Was brauchst du heute, um dich sicher zu fühlen? Und wie kannst du deine Feinfühligkeit wieder als das erleben, was sie auch ist: eine Stärke.
Wenn du schnell erschöpft bist und das Gefühl hast, dauernd an deinem Limit zu laufen, findest du auf meiner Seite zu Hypnose bei Stress und Erschöpfung mehr dazu. Und wenn du lernen möchtest, dich im Alltag selbst zur Ruhe zu bringen, kann Selbsthypnose ein guter Begleiter sein.
Du bist nicht zu viel
Du bist nicht zu empfindlich. Nicht zu kompliziert. Nicht zu viel.
Du nimmst einfach mehr wahr als viele andere.
Das kann anstrengend sein. Und gleichzeitig ist es genau das, was dich so aufmerksam macht. So einfühlsam. So wach für das, was zwischen den Zeilen liegt.
Die Frage ist nicht, wie du weniger spürst. Sondern wie du lernst, mit dem zu leben, was du spürst.
Wenn du bereit bist, deine Sensibilität nicht länger zu bekämpfen, sondern mit ihr zu leben – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria