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Kat. 3
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Veröffentlicht 19. September 2026

Reizdarm verstehen – wenn dein Bauch deinen Alltag übernimmt

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Eva-Maria Janutin

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#12

Mein Darm wohnt in einem Mehrfamilienhaus

Wie Reiz­darm, den All­t­ag bes­timmt – und warum Zuhören manch­mal mehr verän­dert als Kämpfen.

 

Vom Mehrfam­i­lien­haus im Bauch, einem stör­rischen Hirn und einem Ver­trag, der beina­he nur ein Ver­gle­ich gewor­den wäre.

Es gibt Beschw­er­den, die sieht man einem Men­schen nicht an.

Du sitzt mit jeman­dem beim Kaf­fee. Sie lacht. Sie erzählt. Vielle­icht denkst du: Der geht es gut.

Was du nicht siehst: Sie hat längst geschaut, wo die näch­ste Toi­lette ist. Sie weiss, wie lange die Heim­fahrt dauert. Ob unter­wegs eine Tankstelle kommt. Ob sie im Zug bess­er vorne oder hin­ten ein­steigt.

Und vielle­icht hat sie heute Mor­gen bere­its dreimal über­legt, ob sie über­haupt aus dem Haus gehen soll. Reiz­darm kann den All­t­ag sehr klein machen. Nicht unbe­d­ingt laut. Aber gründlich.

«Stell dir vor, mein Reizdarm ist ein Mehrfamilienhaus.»

So hat es mir ein­mal eine Kli­entin erk­lärt. Ich kan­nte Reiz­darm nicht aus eigen­er Erfahrung. Natür­lich wusste ich, was Durch­fall, Ver­stop­fung oder Bauch­schmerzen sind. Aber ich wusste nicht, wie es sich anfühlt, wenn all das zum ständi­gen Begleit­er wird.

Meine Kli­entin kon­nte unglaublich bild­haft erzählen.

«Stell dir vor, mein Reiz­darm ist ein Mehrfam­i­lien­haus.»

Ich war sofort dabei.

«Wir begin­nen ganz oben. Attika­woh­nung.»

Dort sei es heiss. Unan­genehm. Schmerzhaft. Egal, ob sie liege, sitze oder ste­he. Ihr Bauch füh­le sich an, als hätte sich darin ein Bal­lon verir­rt, der langsam aufge­blasen werde. Nur fliege man damit lei­der nicht davon. Es werde ein­fach immer unan­genehmer.

«Gehen wir einen Stock tiefer.»

Hier, sagte sie, höre man den Fluss am besten.

Ich musste schmun­zeln.

Sie auch. Denn mit Fluss meinte sie nicht den Bach vor dem Haus.

In dieser Woh­nung sei sie prak­tisch ans Badez­im­mer gebun­den. Kaum glaube sie, es sei vor­bei, könne sie schon wieder zurück­ren­nen. Wenn sie dort lande, bleibe sie manch­mal zwei oder drei Tage zu Hause. Egal, ob der Kühlschrank voll sei. «Ich habe mir auch schon Piz­za bestellt.»

Ich kon­nte mir dieses Stock­w­erk inzwis­chen ziem­lich gut vorstellen.

Dann gin­gen wir einen Stock tiefer.

Hier passiere – nichts. Fast nichts. Der Bauch schmerze zwar und sei stein­hart.

«Kennst du den Wolf und die sieben Geisslein?»

Natür­lich.

«So. Als hätte ich die Steine im Bauch.» Auch diese Woh­nung mochte sie nicht. Aber sie war sich­er. Sie kon­nte einkaufen. Ins Kino. Fre­unde besuchen. Der Bauch tat weh, aber er über­raschte sie nicht. War berechen­bar.

Und dann kamen wir ins Erdgeschoss.

«Hier bin ich am lieb­sten. Ich mag es, wenn ich geerdet bin.» Fes­ter Boden unter den Füssen. Nor­mal­ität. Nur lei­der bleibe es nicht immer so. Manch­mal gle­iche das Erdgeschoss ein­er Licht­show: Kaum habe sie begrif­f­en, was ger­ade los sei, wech­sle schon wieder alles. Schmerz. Durch­fall. Ver­stop­fung. Fast gle­ichzeit­ig.

«Ver­stehst du, was ich meine?»

Ja.

Plöt­zlich ver­stand ich sehr viel mehr. Nicht medi­zinisch. Men­schlich.

Wenn dir jemand sein Inneres so erklärt, kannst du mitgehen

Ich mag Bilder.

Vielle­icht ger­ade deshalb, weil sie etwas schaf­fen, das Fach­be­griffe manch­mal nicht schaf­fen:

Nähe.

Wenn ich etwas nicht selb­st erlebt habe und mir jemand sein Erleben so beschreibt, kann ich bess­er ein­tauchen. Nicht so, als würde ich behaupten zu wis­sen, wie es sich anfühlt. Aber genug, um zuzuhören. Genug, um neugierig zu wer­den. Genug, um nicht nur das Wort «Reiz­darm» oder «Reiz­darm­syn­drom» (RDS) zu sehen.

Son­dern den Men­schen dahin­ter.

Und dann erinnerte ich mich an meine Mutter

Bei mein­er ersten Kli­entin mit Reiz­darm kam mir plöt­zlich meine Mut­ter in den Sinn.

Sie hat­te keine Reiz­darm-Diag­nose. Sie hat­te eine Reizblase. Aber ich erin­nerte mich sehr genau daran, wie auch ihr Kör­p­er ihren Radius immer klein­er geze­ich­net hat­te. Zug­fahren wurde schwierig. Einkaufen auch. Sie ging kaum mehr weg. Eine junge Ärztin reagierte damals beein­druck­end: Sie schaute nicht nur auf die Blase.

Sie holte unsere Fam­i­lie zusam­men.
Wir sprachen über Belas­tun­gen. Über Schuld. Über Dinge, die lange keinen Raum gehabt hat­ten.

Ich war damals noch weit ent­fer­nt von mein­er heuti­gen Arbeit.

Aber offen­bar blieb etwas davon hän­gen.

Denn Jahre später, mit mein­er ersten Reiz­darm-Kli­entin vor mir, dachte ich:

Was, wenn wir Darm und Hirn miteinan­der reden lassen?

Sehr geehrtes Hirn, sehr geehrter Darm …

Wir gin­gen in Hyp­nose.

Und irgend­wann schlug ich vor: Wir machen einen Ver­trag. Hirn und Darm soll­ten miteinan­der ver­han­deln.

Meine Kli­entin war rechtlich ver­siert. Das sollte sich noch als aus­ge­sprochen unter­halt­sam erweisen. Denn meine Amtssprache war offen­bar nicht immer ganz sat­telfest.

Sie war in Hyp­nose und kor­rigierte mich zwis­chen­durch. Wir lacht­en. Dann ver­han­del­ten wir weit­er. Das Hirn zeigte sich aus­ge­sprochen hart­näck­ig. Es wollte lange nicht ein­lenken.

Der Darm hat­te eben­falls klare Vorstel­lun­gen. Ich dachte irgend­wann tat­säch­lich: Das läuft auf einen Ver­gle­ich hin­aus. Aber wir blieben dran. Noch eine Bedin­gung. Noch eine For­mulierung. Noch ein­mal nach­fra­gen. Ist das für bei­de Seit­en akzept­abel? Nein. Also weit­er.

Bis irgend­wann ein Ver­trag zus­tande kam, den Hirn und Darm unter­schreiben kon­nten. Sym­bol­isch natür­lich.

Aber für meine Kli­entin war dieser innere Prozess sehr real. Und für mich war es eine dieser Sitzun­gen, nach denen ich dachte:

Okay. Offen­bar darf Hyp­nose manch­mal auch ziem­lich viel Humor haben.

Der Darm ist nicht dein Gegner

Bei Reiz­darm entste­ht leicht ein Kampf. Der Bauch meldet sich. Du wirst nervös. Du denkst: Bitte nicht jet­zt. Der Kör­p­er reagiert. Du wirst noch nervös­er. Und irgend­wann kon­trol­lierst du nicht mehr nur deinen Bauch.

Du kon­trol­lierst Wege. Ter­mine. Essen. Toi­let­ten. Aus­gänge. Ent­fer­nun­gen.

Vielle­icht sog­ar dein ganzes Leben. Deshalb inter­essiert mich in mein­er Arbeit nicht nur: Wie bekom­men wir das Symp­tom weg?

Mich inter­essiert: Was passiert in deinem Sys­tem?

Was ver­stärkt? Was beruhigt? Was wurde irgend­wann gel­ernt?

Welche Sit­u­a­tio­nen brin­gen dein Sys­tem in Alarm? Und was kön­nte heute anders wer­den?

Dabei ist mir eines wichtig: Reiz­darm-Beschw­er­den gehören medi­zinisch abgek­lärt. Hyp­nose erset­zt wed­er ärztliche Diag­nos­tik noch notwendi­ge medi­zinis­che Ther­a­pie.

Meine Arbeit begin­nt dort, wo organ­is­che Ursachen abgek­lärt sind und trotz­dem Beschw­er­den bleiben, die das Leben ein­schränken.

Nicht jedes Bauchgefühl ist ein Gefühl

Und nicht jedes Symp­tom hat eine grosse psy­chol­o­gis­che Geschichte dahin­ter.

Manch­mal ist ein Bauch ein­fach ein Bauch. Manch­mal reagiert er auf Essen, Schlaf, Stress, Hor­mone, Belas­tung oder viele Dinge gle­ichzeit­ig.

Ich halte wenig davon, einem Men­schen vorschnell zu erk­lären: «Dein Darm sagt dir dies oder jenes.» Woher sollte ich das wis­sen?

Ich kann zuhören. Fra­gen. Beobacht­en.
Und gemein­sam mit dir her­aus­find­en, was für dich stimmt.

Das ist ein gross­er Unter­schied.

FÜR DICH. JETZT.

Wenn dein Bauch sich das näch­ste Mal meldet, pro­biere für einen Moment etwas anderes.

Nicht sofort: «Oh nein. Nicht schon wieder.»

Son­dern: «Okay. Ich habe dich gehört. Ich bin da.»

Atme. Atme auf vier tief ein. Eins. Zwei. Drei. Vier.

Halte die Luft an. Eins. Zwei. Drei. Vier. (Du darf­st beim Anhal­ten etwas schneller zählen).

Und dann atme auf vier wieder aus. Eins. Zwei. Drei. Vier. Aus.

Atem wieder anhal­ten und inner­lich auf vier zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier.

Nochmals einat­men auf vier …

Mach das zwei oder drei Mal und dann;

Spür hin.
Und frag dich: Was brauche ich ger­ade?
Nicht: Wie bekomme ich das sofort weg?

Son­dern vielle­icht: Brauche ich Ruhe? Eine Umar­mung? Nähe? Sicher­heit? Bewe­gung? Abstand? Eine Pause? Eine Gren­ze? Raum? Liebe? Ver­ständ­nis?
Oder tat­säch­lich ein­fach eine Toi­lette?

Du musst daraus keine grosse Analyse machen.
Nur einen kleinen Gedanken­wech­sel.

Vom Abwehrkampf zum Zuhören.
Nimm das was kommt in Dankbarkeit ent­ge­gen, und löse so viel wie ger­ade geht sofort ein. Vielle­icht ist es nur ein Hauch von dem, was dir möglich wäre. Egal. Gib bitte dem Gefühl nach – und wenn es auf der Toi­lette eine eigene Umar­mung ist, oder du kurz aus dem Büro gehst und dir fünf Minuten Raum gib­st.

Grosse Dinge begin­nen manch­mal klein.

Vielleicht braucht dein Bauch keinen Gegner

Vielle­icht auch keinen Über­set­zer mit per­fek­tem Vok­ab­u­lar.

Vielle­icht reicht fürs Erste jemand, der bere­it ist zuzuhören.

Und manch­mal braucht es eben einen ziem­lich hart­näck­i­gen Dol­metsch­er, bis Hirn und Darm endlich am sel­ben Ver­hand­lungstisch sitzen.

Ein guter Ver­trag braucht Geduld.

Und gele­gentlich jeman­den, der die Juristin im Raum ernst nimmt.

Auch unter Hyp­nose.

Wenn du unter einem Reiz­darm lei­dest und medi­zinisch abgek­lärt ist, dass keine behand­lungs­bedürftige Ursache hin­ter deinen Beschw­er­den ste­ht, kann Hyp­nose eine Möglichkeit sein, Zusam­men­hänge anders zu betra­cht­en und neue Reak­tio­nen einzuüben.

In mein­er Prax­is in Cham arbeite ich ursachenori­en­tiert und nehme mir dafür Zeit.

Nicht gegen deinen Kör­p­er. Son­dern mit ihm.

Wenn du bere­it bist, um mit deinem Reiz­darm zu sprechen – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

 

Gerne hier der Link direkt auf meine «Reiz­darm-Seite», oder auf meine Web­site.

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