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Du ziehst an den Haaren. Du ziehst an etwas in dir
Du willst aufhören. Aber etwas in dir macht weiter.
Vielleicht sitzt du einfach da. Im Auto. Auf dem Sofa. Im Bett. Und plötzlich merkst du: Deine Hand ist schon da. Ein Haar zwischen den Fingern. Ein leichtes Ziehen. Du willst es nicht. Und gleichzeitig kannst du kaum aufhören.
Ein Gedanke sagt: «Lass das.»
Und etwas in dir antwortet: «Noch dieses eine.» Dann noch eines. Und noch eines. Bis es für einen Moment ruhiger wird. Danach der Blick in den Spiegel. Oder das schnelle Verschieben der Haare, damit diese eine Stelle nicht auffällt.
Wenn Haareziehen zum Ventil wird
Manchmal kündigt sich der Drang an. Mit Druck. Unruhe. Anspannung. Manchmal ist die Hand aber auch schon unterwegs, bevor du überhaupt bewusst merkst, was du tust. Du ziehst. Und für einen kurzen Moment verändert sich etwas.
Vielleicht wird es ruhiger. Vielleicht lässt Spannung nach. Vielleicht ist da einfach dieses befriedigende Gefühl, genau dieses eine Haar erwischt zu haben.
Und obwohl dein Kopf längst weiss: «Ich will das nicht.» macht die Hand weiter.
Das ist etwas anderes als gelegentlich an den Haaren zu drehen oder beim Nachdenken eine Strähne zwischen den Fingern zu haben.
Ich schaue nicht nur auf die Haare
Du denkst vielleicht: «Ich habe ein Problem mit meinen Haaren.» Ich schaue etwas anders darauf. Die Haare sind das Sichtbare. Mich interessiert:
Was passiert unmittelbar davor? Druck? Unruhe? Langeweile? Anspannung? Ein bestimmter Gedanke? Oder passiert es fast automatisch, ohne dass du vorher etwas Besonderes wahrnimmst? Und danach? Was ist für diesen kurzen Moment anders?
Und dann gibt es noch eine andere Frage: Was liegt unter all dem Offensichtlichen?
Was kaum jemand sieht
Fast alle Betroffenen, die zu mir kommen, wollen eines: Aufhören. Nicht morgen. Jetzt. Sofort. Und wenn es wieder passiert, kommt häufig noch etwas dazu: Scham.
Was denken die anderen?
Sieht man die Stelle?
Fällt es auf?
Viele werden unglaublich erfinderisch. Mütze. Tuch. Eine Frisur, die exakt diese Stelle verdeckt. Manche meiden den Coiffeur. Andere Nähe. Nicht weil sie keine Menschen mögen. Sondern weil jemand zu genau hinschauen könnte. Und dann kommt irgendwann der Satz: «Reiss dich doch einfach zusammen.» Vielleicht sogar von dir selbst. Als würde es an Disziplin fehlen. Tut es nicht. Trichotillomanie ist keine Charakterschwäche. Und du bist damit nicht allein. Auch wenn es sich manchmal genau so anfühlt.
Meine erste Klientin mit Trichotillomanie
2017 rief mich eine Frau an und fragte: «Haben Sie Erfahrung mit Trichotillomanie?» Ich musste kurz überlegen. Dann sagte ich: «Nein.»
Hatte ich nicht. Das konnte ich ihr auch nicht schönreden. Also arbeiteten wir gemeinsam. Nicht nur am sichtbaren Verhalten. Mich interessierte vor allem der Mensch dahinter.
Diese Frau ist mir bis heute geblieben. Still. Beharrlich. Und mit einem Satz, an den ich mich noch immer erinnere: «Ich mache das nicht bewusst. Vielleicht im Schlaf. Ich sehe einfach morgens die Haare auf meinem Kissen.»
Wir verstanden uns gut und arbeiteten gut zusammen. Und ich war unglaublich stolz darauf, was sie für sich erreichte. Seit dieser Begegnung hat mich das Thema Trichotillomanie nicht mehr losgelassen. Heute kommen Menschen mit Trichotillomanie aus unterschiedlichen Regionen der Schweiz zu mir. Nicht weil ich glaube, für alle dieselbe Antwort zu haben. Im Gegenteil. Gerade auch bei Trichotillomanie interessiert mich, welche Antwort jeder Mensch braucht.
«Hör einfach auf» ist selten besonders hilfreich
Viele Betroffene versuchen zuerst, das Ziehen mit Kontrolle zu stoppen. Hände weg. Nicht anfassen. Reiss dich zusammen. Jetzt aber wirklich.
Nur: Wenn das Ziehen gerade dabei hilft, Spannung zu regulieren, macht zusätzlicher Druck die Situation nicht unbedingt leichter.
Deshalb interessiert mich nicht nur die Hand. Mich interessiert auch das Darunter. Stress. Anspannung. Emotionen. Alte Erfahrungen. Situationen, in denen du dich immer wieder selbst übergehst.
Bei manchen Menschen hängt der innere Druck auch mit Grenzen zusammen – mit einem Nein, das nach aussen kaum hörbar ist, innen aber längst existiert. Darüber schreibe ich auch in meinem Blog «Grenzen setzen». Ich behaupte nicht, dass hinter jedem Haareziehen dasselbe steckt. Das wäre viel zu einfach. Aber eine Frage begleitet mich: Wofür ist das Ziehen gerade die Lösung?
FÜR DICH. JETZT.
Wenn deine Hand das nächste Mal Richtung Haar geht:
Stopp für drei Sekunden. Nicht kämpfen.
Frag dich nur: Was ist gerade in mir?
Druck?
Unruhe?
Langeweile?
Anspannung?Dann drück deine Hände fest gegeneinander.
Spür den Druck.
Lass wieder los.
Und frag dich:Was brauche ich gerade?
Mehr nicht.
Was sichtbar ist, ist nicht immer alles
In meiner Arbeit mit Hypnose und Hypnosetherapie in Cham interessiert mich nicht nur das Haareziehen. Mich interessiert der Mensch, dessen Hand immer wieder dorthin geht. Trichotillomanie kann sehr unterschiedlich aussehen. Bei manchen Menschen ist das Ziehen bewusst und mit deutlicher Spannung verbunden. Bei anderen geschieht es fast nebenbei. Und bei manchen wechseln sich beide Formen ab. Genau deshalb mag ich keine schnellen Antworten. Keine Schablone. Kein: «Das kommt immer von …»
Menschen funktionieren nicht so. Zum Glück. Deine Haare sind sichtbar. Das, was dahinter wirkt, ist es oft nicht. Genau dort schaue ich hin. Nicht um dir zu erklären, wer du bist. Sondern um gemeinsam herauszufinden, was für dich stimmt. Vielleicht hast du bisher unglaublich viel Kraft darauf verwendet, deine Hand zu kontrollieren. Dann darfst du vielleicht einmal eine andere Frage ausprobieren: Was, wenn nicht deine Hand zuerst verstanden werden muss – sondern du?
Wenn du diesen Weg nicht allein anschauen möchtest – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria
Trichotillomanie – auch Hair-Pulling Disorder genannt – bezeichnet wiederholtes Haareausreissen, das sich für Betroffene schwer kontrollieren lässt. Häufig können dabei Drang oder Anspannung auftreten; das Ziehen kann vorübergehend Erleichterung verschaffen.