Du willst aufhören. Aber etwas in dir macht weiter.
Vielleicht sitzt du einfach da. Im Auto. Auf dem Sofa. Im Bett. Und plötzlich merkst du: Deine Hand ist schon da. Ein Haar zwischen den Fingern. Ein leichtes Ziehen.
Du willst es nicht. Und gleichzeitig kannst du nicht aufhören.
Ein Gedanke sagt: „Lass das.“ Und dein Körper sagt: „Noch dieses eine.“ Und dann noch eines, und noch eines. Bis es ruhig wird. Für einen Moment.
Und dann der Blick in den Spiegel. Oder das schnelle Zusammenlegen der Haare, damit die Stelle nicht auffällt.
Wenn Haare plötzlich zum Ventil werden
Ein unwiderstehlicher Drang entsteht. Nicht laut. Nicht angekündigt. Aber klar. Du spürst Druck. Unruhe. Anspannung. Und dann passiert es fast automatisch.
Du ziehst. Und mit jedem Haar wird es leiser. Ruhiger. Fast wie ein kurzer Ausstieg. Ein Zustand, der sich kaum stoppen lässt. Auch wenn dein Kopf längst weiss: Das will ich nicht.
Das ist etwas anderes als gelegentliches Haare-drehen beim Nachdenken. Es hat eine andere Qualität: das Gefühl, es nicht steuern zu können, obwohl du es willst.
Was hier wirklich passiert
Du denkst vielleicht: Ich habe ein Problem mit meinen Haaren.
Hast du nicht.
Was hier passiert, hat nichts mit Haaren zu tun. Nicht wirklich. Es geht nicht um Aussehen. Nicht um Disziplin. Nicht um Kontrolle im klassischen Sinn. Es geht um etwas anderes: Druck. Spannung. Etwas in dir, das keinen anderen Weg gefunden hat. Und dein Körper hat gelernt: So wird es ruhiger.
Ein Gedanke, den ich mit dir teilen möchte – ganz ohne Anspruch auf Wahrheit: Ich glaube, unsere Haare sind auch eine Art Antenne.
Als ich meine einmal sehr kurz geschnitten habe, habe ich weniger gespürt. Weniger gefühlt. Ob das Einbildung war oder nicht – ich weiss es nicht. Aber für mich fühlt es sich bis heute so an.
Das heisst nicht, dass kurze Haare automatisch weniger Gefühl bedeuten – viele Menschen tragen sie kurz, ohne je etwas davon zu bemerken. Es ist nur meine eigene, kleine Erfahrung.
Aber ich bin damit nicht ganz allein: Auch eine Ausbilderin, mit der ich viele Weiterbildungen gemacht habe, hat mir einmal genau das Gleiche erzählt, nachdem sie sich die Haare kurz geschnitten hatte.
Vielleicht ist da etwas dran, gerade beim Ziehen: Vielleicht verschwindet mit jedem Haar nicht nur ein Haar. Sondern auch ein Stück Spüren.
Was viele nicht sehen
Jede Betroffene, jeder Betroffene weiss: „Ich will damit aufhören.“ Und trotzdem passiert es. Wieder und wieder.
Dazu kommt etwas, das oft noch schwerer wiegt: Scham. Was denken die anderen? Sieht man das? Fällt es auf?
Viele sprechen nicht darüber. Verstecken es. Mit einer Mütze. Einem Tuch. Einer Frisur, die genau diese eine Stelle bedeckt. Manche meiden den Coiffeur. Andere meiden Nähe, aus Angst, dass jemand zu genau hinschaut. Ziehen sich zurück. Und gleichzeitig wird der innere Druck grösser. Ein Kreislauf entsteht.
Vielleicht hast du dir selbst schon gesagt: Reiss dich einfach zusammen. Was ist nur los mit mir? Bin ich verrückt?
Nein. Bist du nicht.
Trichotillomanie hat nichts mit Charakterschwäche zu tun. Es ist eine anerkannte Störung – keine Charakterfrage.
Du bist damit nicht allein. Auch wenn es sich oft genauso anfühlt. Mehr Menschen als du denkst, kennen genau dieses Gefühl – sie sprechen nur nicht darüber.
Ein Blick aus meiner Arbeit
Als mich 2017 eine Klientin anrief und fragte, ob ich Erfahrung mit Trichotillomanie habe, musste ich kurz überlegen. Ich hatte keine. Und ich habe ihr genau das gesagt. Ganz ehrlich.
Und dann haben wir gearbeitet. Nicht am Verhalten. Sondern an dem, was darunter liegt. Der Druck. Die Spannung. Das, was keinen Ausdruck gefunden hat.
Und was dann passiert ist, war nicht kompliziert. Aber tief. Zuerst ging es nur ums Ankommen. Erst später um das, was dahinterlag.
Oft ist es nicht ein einzelnes Ereignis, das genügt. Sondern viele kleine, denen nie Raum gegeben wurde.
Was oft übersehen wird
Viele versuchen, das Verhalten zu stoppen. Mit Kontrolle. Mit Disziplin. Mit Druck. Aber genau das verstärkt das Ganze oft noch mehr. Weil das eigentliche Thema nicht berührt wird. Genau deshalb bringt Druck von aussen meist das Gegenteil von dem, was gemeint ist.
In der Fachsprache nennt man das eine Ersatzhandlung: Der Körper sucht sich einen Weg, mit einer Anspannung umzugehen, für die es sonst keinen Ausdruck gibt.
Manchmal hängt dieser Druck auch mit dem zusammen, worüber ich in meinem Blog «Grenzen setzen» schreibe – ein zu leises Nein, das sich einen anderen Weg sucht.
Denn: Das Ziehen ist nicht das Problem. Es ist die Lösung. Eine, die dein System gefunden hat, um mit etwas umzugehen, das gerade keinen anderen Weg hat.
FÜR DICH. JETZT.
Viele Betroffene haben eines gemeinsam: Sie spüren sich selbst oft nur noch wenig.
Wenn der Impuls kommt, etwas zu tun – geh nicht sofort dagegen an.
Mach etwas anderes. Lenk die Aufmerksamkeit auf dich. Nicht auf das Haar. Nicht auf das Verhalten. Auf dich.
Spür: Deinen Puls. Deine Hände. Deinen Körper.
Drück deine Hände gegeneinander. Streich über deinen Arm. Streich sanft über dein Haar – nicht ziehen, nur berühren. Spür dich.
Nicht perfekt. Nicht schön. Einfach echt.
Denn oft fehlt genau das: Der Kontakt zu dir selbst.
Und vielleicht beginnt genau hier etwas Neues.
Zurück zur Wurzel
In meiner Arbeit mit Hypnose und ursachenorientierter Hypnosetherapie in Cham geht es genau darum: Nicht nur verstehen. Sondern lösen. Nicht das Symptom bekämpfen. Sondern erkennen, was darunter liegt.
Wir gehen dorthin, wo die Anspannung ihren Ursprung hat – und geben ihr einen Ausdruck, der nicht mehr über die Haare gehen muss.
Denn dein Körper arbeitet nicht gegen dich. Er spricht mit dir. Und wenn du beginnst, diese Sprache zu verstehen, kann sich etwas verändern. Nicht perfekt. Nicht von heute auf morgen. Aber echt.
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, an die Wurzel zu gehen – ich bin da.
Herzlich
Eva-Maria
*Trichotillomanie ist eine Form der Impulskontrollstörung,
bei der Betroffene wiederholt Haare ausreissen,
oft als Reaktion auf innere Anspannung.