#10
Sich selbst verlieren. Identitätsverlust.
Und warum du dich immer wieder ein Stück mehr übergehst.
Du verlierst dich selten an einem einzigen Tag. Es gibt keinen Dienstagmorgen, an dem du aufwachst und denkst: So. Ab heute bin ich nicht mehr ich.
Es passiert leiser.
Du sagst Ja, obwohl du Nein fühlst.
Du bleibst, obwohl du gehen möchtest.
Du schweigst, obwohl du etwas sagen willst.
Du funktionierst, obwohl in dir längst etwas nach einer Pause ruft.
Einmal. Noch einmal. Und irgendwann erstaunlich oft. Bis du eines Tages merkst: Ich weiss gar nicht mehr, was ich eigentlich will.
Das ist der Moment, der mich interessiert. Warum bist du in deinem eigenen Leben so lange nach hinten gerutscht, dass du dich selbst kaum noch hörst?
Du gehst nicht auf einmal verloren
Vielleicht hast du gelernt, stark zu sein. Rücksichtsvoll. Verlässlich. Diejenige, die noch schnell einspringt. Die versteht. Mitträgt. Nicht schwierig ist.
Und all das kann etwas Schönes sein. Bis du dafür immer wieder eine Person übergehst. Dich.
Dann wird aus Rücksicht Anpassung und aus Verlässlichkeit Selbstverständlichkeit.
Aus Stärke Dauerbetrieb und aus «Ich mache das noch schnell» irgendwann: «Warum bin eigentlich immer ich dran?»
Jedes Mal ein kleines Stück
Du bekommst abends eine Nachricht. Du bist müde. Eigentlich willst du nicht mehr antworten. Aber du tust es. Nur schnell. Niemand bemerkt etwas. Du vielleicht auch kaum.
Ein anderes Mal willst du etwas sagen. Der Moment wäre da. Und du denkst: Lass gut sein. Wieder nichts Grosses.
Noch ein Abend.
Noch ein Gespräch.
Noch ein kleines Stück.
Genau so kann Selbstverlust aussehen. Nicht dramatisch. Alltagstauglich. Und genau das ist das Gefährliche daran.
«Ist doch nicht so schlimm.»
Dieser Satz ist manchmal interessanter, als er klingt.
«Ist schon okay.»
«Ich übertreibe.»
«Das bilde ich mir ein.»
«Andere haben es viel schlimmer.»
Du fühlst etwas. Und im nächsten Moment erklärst du dir, warum du es besser nicht fühlen solltest. Du merkst eine Grenze. Und redest sie dir weg. Du weisst etwas. Und glaubst allen anderen schneller als dir selbst. Vielleicht verlässt du dich also gar nicht, weil du dich nicht spürst. Vielleicht spürst du dich ziemlich gut – und hörst nur nicht mehr auf dich. Das ist ein Unterschied.
Wer sitzt an deinem Tisch?
Stell dir vor, wichtige Entscheidungen in deinem Leben würden an einem grossen Tisch getroffen. Wer sitzt dort? Dein Partner. Deine Kinder. Deine Eltern. Dein Arbeitgeber. Freunde. Familie. Pflichten. Erwartungen. Vielleicht auch noch das schlechte Gewissen.
Alle da. Sehr gut. Und wo sitzt du? Mit am Tisch? Hast du eine Stimme? Darfst du mitentscheiden? Oder bringst du nur noch Kaffee?
Vielleicht lachst du gerade. Aber die Frage ist ernst gemeint: Wie viel Gewicht hat deine eigene Stimme in deinem eigenen Leben? Es geht nicht darum, dass immer du zuerst kommen musst. Nicht darum, dass dir alle anderen egal werden.
Aber wenn an deinem Lebenstisch alle einen festen Platz haben – ausser dir –, stimmt etwas nicht.
Für dich einzustehen verändert mehr als ein Nein
Darüber habe ich in meinem Blog «Grenzen setzen» geschrieben. Grenzen. Nein sagen. Bei dir bleiben. Aber eigentlich geht es noch tiefer. Denn jedes ehrliche Nein beantwortet auch eine andere Frage: Zählt das, was ich fühle und will?
Und jedes Mal, wenn du deine Antwort ernst nimmst, passiert etwas Kleines. Du beginnst wieder, dir selbst zu glauben. Das ist für mich ein wesentlicher Teil von Selbstwert.
Nicht, dass du dich jeden Morgen vor den Spiegel stellst und grossartig findest. Sondern: Dass deine eigene Stimme für dich Gewicht hat.
Vielleicht war das einmal sinnvoll
Menschen übergehen sich nicht ständig, weil sie dumm sind. Oft hat dieses Verhalten eine Geschichte. Vielleicht war Anpassung einmal klug. Hat Streit verhindert. Nähe gesichert. Dich davor bewahrt, negativ aufzufallen.
Vielleicht warst du früh die Vernünftige. Die Starke. Die, die Rücksicht nahm. Was einmal hilfreich war, kann sich später trotzdem gegen dich richten. Darüber haben wir in den vergangenen Blogs immer wieder gesprochen: Familiäre Prägungen. Dein kleines Ich. Unbewusste Reaktionen. Grenzen. Nicht, weil alles in deiner Kindheit erklärt werden muss. Sondern weil wir manches sehr lange weitermachen, nachdem wir es längst nicht mehr brauchen.
Und irgendwann bist du müde
Nicht jede Müdigkeit ist Selbstverlust und nicht jede Erschöpfung hat eine tiefere Botschaft. Manchmal hast du schlicht schlecht geschlafen.
Aber wenn du dauerhaft funktionierst, mitträgst, dich anpasst und immer wieder über deine eigenen Grenzen gehst, lohnt sich eine andere Frage: Wie lange komme ich selbst in meinem Leben schon zu kurz? Denn von aussen kann alles wunderbar aussehen.
Du arbeitest. Organisierst. Kümmerst dich. Bist verlässlich. Vielleicht wirst du genau dafür sogar bewundert. «Wie machst du das alles?» Und du lächelst. Dabei würdest du manchmal am liebsten antworten: Keine Ahnung. Und eigentlich will ich es auch nicht mehr. Darüber schreibe ich in meinem Blog «Ausgebrannt».
Der Wendepunkt ist nicht immer schön
Denn bevor du zu dir zurückkommst, musst du vielleicht etwas anerkennen: Ich bin sehr oft über mich hinweggegangen. Das kann wehtun. Vielleicht macht es traurig. Vielleicht auch wütend.
Und bitte: Mach daraus nicht die nächste Gelegenheit, dich fertigzumachen. Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Auch nicht an dich. Es geht darum, hinzusehen.
Denn solange du behauptest, alles sei eigentlich in Ordnung, musst du auch nichts verändern.
Erst dieses ehrliche: «So möchte ich nicht weitermachen.» öffnet eine Tür.
Zurück zu dir ist erstaunlich unspektakulär
Kein neues Leben ab Montag.
Keine siebenstufige Morgenroutine.
Kein Umzug nach Bali.
Vielleicht nur: Ein Nein. Eine Pause. Ein Gespräch, das du nicht länger aufschiebst.
Eine Entscheidung, bei der du diesmal nicht zuerst fragst, was alle anderen davon halten.
Ein Gefühl, das du nicht sofort wegdiskutierst.
Ein Abend, an dem du aufhörst, obwohl noch Arbeit da wäre.
Kleine Dinge.
Aber diesmal entscheidest du mit.
Und ja – das kann sich zuerst falsch anfühlen
Wenn du dich lange angepasst hast, fühlt sich Klarheit nicht automatisch gut an. Ein Nein kann Schuldgefühle auslösen. Eine Grenze kann sich egoistisch anfühlen. Eine eigene Entscheidung kann plötzlich Angst machen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass sie falsch ist. Es ist einfach neu. Du kennst das alte System: Anpassen. Mittragen. Durchhalten. Jetzt machst du etwas anderes. Natürlich meldet sich etwas in dir. Die Frage ist nur: Muss dieses Gefühl heute noch entscheiden?
FÜR DICH. JETZT.
Frag dich heute nicht: «Was erwarten die anderen von mir?»
Frag dich: «Wo gehe ich gerade über mich hinweg?»
Nicht gestern.
Nicht grundsätzlich.Heute.
Vielleicht kennst du die Antwort sofort.
Eine Zusage.
Eine Aufgabe.
Ein Gespräch.
Eine Pause, die du längst brauchst.Und dann mach an genau dieser Stelle etwas anders.
Sag Nein.
Sag etwas.
Hör auf.
Geh.
Bleib.Aber entscheide bewusst.
Vielleicht nur dieses eine Mal.Und beobachte, wie es sich anfühlt, wenn du in deinem eigenen Leben wieder mitentscheidest.
Du bist nicht verschwunden
Vielleicht fühlst du dich gerade weit weg von dir. Aber ich glaube nicht, dass du weg bist. Unter dem Funktionieren. Unter dem Anpassen.Unter all den Rollen. Unter dem Starksein. Da bist immer noch du.
Vielleicht etwas leiser geworden. Vielleicht lange überhört. Aber da. Und du musst nicht dein gesamtes Leben auf einmal zurückholen. Du kannst heute anfangen. Mit einer einzigen Frage: Was wäre jetzt richtig für mich?
Und dann nimm die Antwort ernst. Nicht irgendwann. Jetzt.
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, dich in deinem eigenen Leben wiederzufinden – ich bin da.
Herzlich,
Eva-Maria