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Kat. 2
5 min.
Veröffentlicht 7. August 2026

Sich verlieren – und viel wichtiger – sich wiederfinden

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Eva-Maria Janutin

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#10

Sich selbst verlieren. Identitätsverlust.

Und warum du dich immer wieder ein Stück mehr übergehst.

 

Du ver­lierst dich sel­ten an einem einzi­gen Tag. Es gibt keinen Dien­stag­mor­gen, an dem du aufwachst und denkst: So. Ab heute bin ich nicht mehr ich.

Es passiert leis­er.
Du sagst Ja, obwohl du Nein fühlst.
Du bleib­st, obwohl du gehen möcht­est.
Du schweigst, obwohl du etwas sagen willst.
Du funk­tion­ierst, obwohl in dir längst etwas nach ein­er Pause ruft.

Ein­mal. Noch ein­mal. Und irgend­wann erstaunlich oft. Bis du eines Tages merkst: Ich weiss gar nicht mehr, was ich eigentlich will.

Das ist der Moment, der mich inter­essiert. Warum bist du in deinem eige­nen Leben so lange nach hin­ten gerutscht, dass du dich selb­st kaum noch hörst?

 

Du gehst nicht auf einmal verloren

Vielle­icht hast du gel­ernt, stark zu sein. Rück­sichtsvoll. Ver­lässlich. Diejenige, die noch schnell ein­springt. Die ver­ste­ht. Mit­trägt. Nicht schwierig ist.

Und all das kann etwas Schönes sein. Bis du dafür immer wieder eine Per­son übergehst. Dich.

Dann wird aus Rück­sicht Anpas­sung und aus Ver­lässlichkeit Selb­stver­ständlichkeit.

Aus Stärke Dauer­be­trieb und aus «Ich mache das noch schnell» irgend­wann: «Warum bin eigentlich immer ich dran?»

 

Jedes Mal ein kleines Stück

Du bekommst abends eine Nachricht. Du bist müde. Eigentlich willst du nicht mehr antworten. Aber du tust es. Nur schnell. Nie­mand bemerkt etwas. Du vielle­icht auch kaum.

Ein anderes Mal willst du etwas sagen. Der Moment wäre da. Und du denkst: Lass gut sein. Wieder nichts Gross­es.
Noch ein Abend.
Noch ein Gespräch.
Noch ein kleines Stück.

Genau so kann Selb­stver­lust ausse­hen. Nicht drama­tisch. All­t­agstauglich. Und genau das ist das Gefährliche daran.

 

«Ist doch nicht so schlimm.»

Dieser Satz ist manch­mal inter­es­san­ter, als er klingt.

«Ist schon okay.»
«Ich übertreibe.»
«Das bilde ich mir ein.»
«Andere haben es viel schlim­mer.»

Du fühlst etwas. Und im näch­sten Moment erk­lärst du dir, warum du es bess­er nicht fühlen soll­test. Du merkst eine Gren­ze. Und redest sie dir weg. Du weisst etwas. Und glaub­st allen anderen schneller als dir selb­st. Vielle­icht ver­lässt du dich also gar nicht, weil du dich nicht spürst. Vielle­icht spürst du dich ziem­lich gut – und hörst nur nicht mehr auf dich. Das ist ein Unter­schied.

 

Wer sitzt an deinem Tisch?

Stell dir vor, wichtige Entschei­dun­gen in deinem Leben wür­den an einem grossen Tisch getrof­fen. Wer sitzt dort? Dein Part­ner. Deine Kinder. Deine Eltern. Dein Arbeit­ge­ber. Fre­unde. Fam­i­lie. Pflicht­en. Erwartun­gen. Vielle­icht auch noch das schlechte Gewis­sen.

Alle da. Sehr gut. Und wo sitzt du? Mit am Tisch? Hast du eine Stimme? Darf­st du mitentschei­den? Oder bringst du nur noch Kaf­fee?

Vielle­icht lachst du ger­ade. Aber die Frage ist ernst gemeint: Wie viel Gewicht hat deine eigene Stimme in deinem eige­nen Leben? Es geht nicht darum, dass immer du zuerst kom­men musst. Nicht darum, dass dir alle anderen egal wer­den.
Aber wenn an deinem Leben­stisch alle einen fes­ten Platz haben – auss­er dir –, stimmt etwas nicht.

 

Für dich einzustehen verändert mehr als ein Nein

Darüber habe ich in meinem Blog «Gren­zen set­zen» geschrieben. Gren­zen. Nein sagen. Bei dir bleiben. Aber eigentlich geht es noch tiefer. Denn jedes ehrliche Nein beant­wortet auch eine andere Frage: Zählt das, was ich füh­le und will?

Und jedes Mal, wenn du deine Antwort ernst nimmst, passiert etwas Kleines. Du beginnst wieder, dir selb­st zu glauben. Das ist für mich ein wesentlich­er Teil von Selb­st­wert.
Nicht, dass du dich jeden Mor­gen vor den Spiegel stellst und grossar­tig find­est. Son­dern: Dass deine eigene Stimme für dich Gewicht hat.

 

Vielleicht war das einmal sinnvoll

Men­schen überge­hen sich nicht ständig, weil sie dumm sind. Oft hat dieses Ver­hal­ten eine Geschichte. Vielle­icht war Anpas­sung ein­mal klug. Hat Stre­it ver­hin­dert. Nähe gesichert. Dich davor bewahrt, neg­a­tiv aufz­u­fall­en.

Vielle­icht warst du früh die Vernün­ftige. Die Starke. Die, die Rück­sicht nahm. Was ein­mal hil­fre­ich war, kann sich später trotz­dem gegen dich richt­en. Darüber haben wir in den ver­gan­genen Blogs immer wieder gesprochen: Famil­iäre Prä­gun­gen. Dein kleines Ich. Unbe­wusste Reak­tio­nen. Gren­zen. Nicht, weil alles in dein­er Kind­heit erk­lärt wer­den muss. Son­dern weil wir manch­es sehr lange weit­er­ma­chen, nach­dem wir es längst nicht mehr brauchen.

 

Und irgendwann bist du müde

Nicht jede Müdigkeit ist Selb­stver­lust und  nicht jede Erschöp­fung hat eine tief­ere Botschaft. Manch­mal hast du schlicht schlecht geschlafen.

Aber wenn du dauer­haft funk­tion­ierst, mit­trägst, dich anpasst und immer wieder über deine eige­nen Gren­zen gehst, lohnt sich eine andere Frage: Wie lange komme ich selb­st in meinem Leben schon zu kurz? Denn von aussen kann alles wun­der­bar ausse­hen.

Du arbeitest. Organ­isierst. Küm­merst dich. Bist ver­lässlich. Vielle­icht wirst du genau dafür sog­ar bewun­dert. «Wie machst du das alles?» Und du lächelst. Dabei würdest du manch­mal am lieb­sten antworten: Keine Ahnung. Und eigentlich will ich es auch nicht mehr. Darüber schreibe ich in meinem Blog «Aus­ge­bran­nt».

 

Der Wendepunkt ist nicht immer schön

Denn bevor du zu dir zurück­kommst, musst du vielle­icht etwas anerken­nen: Ich bin sehr oft über mich hin­wegge­gan­gen. Das kann wehtun. Vielle­icht macht es trau­rig. Vielle­icht auch wütend.

Und bitte: Mach daraus nicht die näch­ste Gele­gen­heit, dich fer­tigzu­machen. Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Auch nicht an dich. Es geht darum, hinzuse­hen.

Denn solange du behauptest, alles sei eigentlich in Ord­nung, musst du auch nichts verän­dern.

Erst dieses ehrliche: «So möchte ich nicht weit­er­ma­chen.» öffnet eine Tür.

 

Zurück zu dir ist erstaunlich unspektakulär

Kein neues Leben ab Mon­tag.
Keine sieben­stu­fige Mor­gen­rou­tine.
Kein Umzug nach Bali.

Vielle­icht nur: Ein Nein. Eine Pause. Ein Gespräch, das du nicht länger auf­schieb­st.

Eine Entschei­dung, bei der du dies­mal nicht zuerst fragst, was alle anderen davon hal­ten.

Ein Gefühl, das du nicht sofort wegdisku­tierst.

Ein Abend, an dem du aufhörst, obwohl noch Arbeit da wäre.

Kleine Dinge.

Aber dies­mal entschei­dest du mit.

 

Und ja – das kann sich zuerst falsch anfühlen

Wenn du dich lange angepasst hast, fühlt sich Klarheit nicht automa­tisch gut an. Ein Nein kann Schuldge­füh­le aus­lösen. Eine Gren­ze kann sich ego­is­tisch anfühlen. Eine eigene Entschei­dung kann plöt­zlich Angst machen.

Das bedeutet nicht automa­tisch, dass sie falsch ist. Es ist ein­fach neu. Du kennst das alte Sys­tem: Anpassen. Mit­tra­gen. Durch­hal­ten. Jet­zt machst du etwas anderes. Natür­lich meldet sich etwas in dir. Die Frage ist nur: Muss dieses Gefühl heute noch entschei­den?

 

FÜR DICH. JETZT.

Frag dich heute nicht: «Was erwarten die anderen von mir?»

Frag dich: «Wo gehe ich ger­ade über mich hin­weg?»

Nicht gestern.
Nicht grund­sät­zlich.

Heute.

Vielle­icht kennst du die Antwort sofort.
Eine Zusage.
Eine Auf­gabe.
Ein Gespräch.
Eine Pause, die du längst brauchst.

Und dann mach an genau dieser Stelle etwas anders.

Sag Nein.
Sag etwas.
Hör auf.
Geh.
Bleib.

Aber entschei­de bewusst.
Vielle­icht nur dieses eine Mal.

Und beobachte, wie es sich anfühlt, wenn du in deinem eige­nen Leben wieder mitentschei­dest.

 

Du bist nicht verschwunden

Vielle­icht fühlst du dich ger­ade weit weg von dir. Aber ich glaube nicht, dass du weg bist. Unter dem Funk­tion­ieren. Unter dem Anpassen.Unter all den Rollen. Unter dem Stark­sein. Da bist immer noch du.

Vielle­icht etwas leis­er gewor­den. Vielle­icht lange über­hört. Aber da. Und du musst nicht dein gesamtes Leben auf ein­mal zurück­holen. Du kannst heute anfan­gen. Mit ein­er einzi­gen Frage: Was wäre jet­zt richtig für mich?
Und dann nimm die Antwort ernst. Nicht irgend­wann. Jet­zt.

Wenn du spürst, dass es Zeit ist, dich in deinem eige­nen Leben wiederzufind­en – ich bin da.

Her­zlich,

Eva-Maria

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